Der Kommentar: Das Verständnis ist nur gespielt, und es tönt wie Hohn, wenn der Staatsanwalt in Charkow sagt: «Wir sollten abwarten, ob Frau Timoschenko verhandlungsfähig ist.» Dann verschob der Richter gestern auf Antrag der Verteidigung den zweiten Strafprozess gegen die inhaftierte Julia Timoschenko auf den 21. Mai. Es ist offensichtlich: Das autoritäre Regime unter Präsident Viktor Janukowitsch versucht, den Willen jener Frau zu brechen, die für die orange Revolution stand. Das geschieht – so lassen es Fotos vermuten – mit Gewalt.

Man muss nicht nur «besorgt» sein, wie es das Aussendepartement von Bundesrat Didier Burkhalter viel zu zurückhaltend formuliert. Es ist ein abscheuliches Spiel, das mit Timoschenko getrieben wird. Und es beweist, dass die Ukraine weit davon entfernt ist, sich an rechtsstaatliche Normen zu halten. Janukowitsch, der 2004 von der orangen Welle weggespült worden war, will die Opposition jetzt mit allen Mitteln ausschalten.

Ein Boykott der Fussball-EM, die in sechs Wochen beginnt, ist jedoch der falsche Weg. Einen Besuch abzusagen, wie es der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck getan hat, hilft auch nur bedingt. Sinnvoller wäre, die Missstände vor Ort und unter den Augen der Weltpresse anzuprangern. So machen sich die geladenen Politiker auf den Ehrentribünen auch nicht zu Claqueuren des Regimes. Denn es ist Folter, was mit Timoschenko geschieht.

«Stop it Chirac», stand 1995 auf dem Transparent, das Schweizer Nati-Spieler beim Spiel gegen Schweden ausrollten und sich gegen die französischen Atombombentests im Südpazifik richtete. Es ist höchste Zeit für «Stop it Janukowitsch».

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