Maurers Rede mit dem Titel «Die Aufgaben der Medien in der liberalen Demokratie», die auf der Website des Bundes nachzulesen ist, mag nicht seine beste gewesen sein; mündlich, so erzählen Ohrenzeugen, sei sie noch salopper ausgefallen. Aber deswegen pfeifen? Diejenigen, die sich dazu hinreissen liessen, verhielten sich nicht nur unanständig. Sie fielen auch – wie peinlich! – auf eine typische Maurer’sche Provokation herein.

Seine Rechnung ist aufgegangen. Anders war es im Jahr 2009, als Maurer am selben Anlass etwa dasselbe gesagt, dafür aber artigen Applaus geerntet hatte – und eine Mediendebatte ausblieb. Diese kommt vielleicht jetzt, wegen der Pfiffe. Es riecht nach Skandal, und so gut kennt Medienverachter Maurer («Ich habe keine Zeit, um Zeitungen zu lesen») die Medien: Provokation ist immer gut, um eine Diskussion anzustossen. Also schreiben wir hier schon mal ein Editorial.

Was sagte Maurer? Er beklagte einen Mangel an Vielfalt. Die Medien «unterscheiden sich inhaltlich kaum», sagte er: «Es herrscht weitgehend ein mediales Meinungskartell.» Er sieht «so etwas wie eine selbst verfügte Gleichschaltung».

Ist das so falsch? Es gibt bei manchen Themen diesen berühmten Mainstream. Am breitesten fliesst er in der EU-Frage: Keine einzige Zeitung plädiert für einen EU-Beitritt der Schweiz. Ebenso ist, mit Ausnahme der auflageschwachen «Wochenzeitung», weit und breit kein Blatt in Sicht, das die 1:12-Initiative unterstützt. Die allermeisten Zeitungen lehnen die Wehrpflicht-Initiative ab – ganz im Sinn von Verteidigungsminister Maurer. Ebenso, wie sich die allermeisten Zeitungen über den Fall Carlos empören.

Diesen Mainstream hat Maurer natürlich nicht gemeint. Als «Glaubenssatz» der Medien formulierte er etwa: «Die Schweiz ist immer im Unrecht, die Vorwürfe an unser Land können noch so absurd und durchsichtig sein.» Das kann nur einer sagen, der keine Zeitungen liest: Beim US-Steuerstreit oder bei den Attacken von Steinbrück gegen die Schweiz lief der Mainstream doch ganz anders: Man geisselte die aggressiven Amis und die arroganten Deutschen.

Hätte der Verteidigungsminister am Donnerstag die Zeitungen zum Kampfjet-Entscheid des Nationalrats gelesen, wäre er erstaunt gewesen: Die «NZZ» macht sich für den Gripen-Kauf stark, der «Tages-Anzeiger» lehnt ihn ab. Die «Nordwestschweiz» will erst mal die Frage geklärt sehen: «Kann die Luftwaffe auch ohne Gripen leben?» Und der «Blick» lobt Maurers strategisches Geschick bei dem Geschäft. Einheitsbrei schmeckt anders.

Natürlich ist das nicht immer so, und natürlich wird die SVP von den Medien kritisch beleuchtet (allerdings behauptet jede Partei von sich, besonders kritisch behandelt zu werden). Aber was will Maurer genau? Eine Rückkehr zur Parteipresse? Die gibt es ansatzweise bei der «Basler Zeitung» und der «Weltwoche», doch just diese SVP-nahen Zeitungen haben besonders viele Leser verloren. So wenig Grund es gibt, den Bundespräsidenten auszupfeifen, so wenig Grund gibt es, auf die Schweizer Medien zu pfeifen.

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