Der Kommentar: Ein Parteijubiläum bietet Gelegenheit, Rückschau zu halten auf das Erreichte – also auf das, was eine Partei auf allen ihren Gliederungsebenen an Gestaltung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in der Vergangenheit geleistet hat.

Die Schweiz weist im Vergleich zu Deutschland bezüglich ihrer staatlichen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen erhebliche Unterschiede auf. Das gilt für die geografische und kulturelle Vielfalt zwischen Bodensee und Tessin genauso wie für das 3-Sprachen-Regime. Eine der Haupterklärungen für das Erfolgsmodell Schweiz und für sein hohes Mass an politischer Stabilität ist denn auch die Balance, die die Schweiz zwischen einheitlichem Bürgersinn einerseits und einem sehr stark ausgeprägten Föderalismus andererseits herzustellen vermag. Zur Stabilität trägt auch bei, dass der starke Föderalismus über jeglichen Verdacht des Separatismus erhaben ist.

Trotz der Strukturunterschiede zwischen der Schweiz und Deutschland bin ich davon überzeugt, dass die christlich-demokratischen Volksparteien unserer beiden Länder voneinander lernen und profitieren können. Zur grundsätzlichen Charakteristik und auch zur Stärke christdemokratischer Parteien gehört es, dass sie vom Arbeiter bis zum Unternehmer ein ausgesprochen breites soziales, aber auch konfessionelles Spektrum abdecken. Die CDU Deutschlands hatte – gerade was ihre überkonfessionelle Prägung anbelangt – den «Vorteil», sich nach dem Zweiten Weltkrieg neu aufstellen zu können. Die programmatischen und personellen Verbindungslinien aus dem Widerstand christlich-demokratischer Hitler-Gegner zur deutschen Nachkriegspolitik sind vielfältig.

Der Zusammenhalt von katholischen und evangelischen Christen in den Widerstandskreisen und die gemeinsame Erfahrung von Verfolgung und Haft bestärkten viele darin, die parteipolitische Zersplitterung der Weimarer Republik zu überwinden, eine grosse, überkonfessionelle Volkspartei zu gründen und die nicht-sozialistischen Kräfte in der Union zu sammeln. Ohne lehrmeisterlich erscheinen zu wollen, erscheint es mir vor diesem Hintergrund aus Sicht der CVP wünschenswert, das nach wie vor bestehende Spannungsverhältnis zwischen katholischer Identität und konfessioneller Öffnung sowie den bestehenden Gegensatz zwischen konservativen Stammlanden und christlich-sozial geprägtem Mittelland zu reduzieren.

Als echte Volkspartei der dynamischen Mitte sind CVP wie CDU in Tradition und Geschichte ihrer Vaterländer verwurzelt, aber zugleich offen für Neues. Als solche müssen sich beide Volksparteien immer wieder der Aufgabe stellen, in der Diskussion zwischen unterschiedlichen Interessen, Gesichtspunkten und Argumenten Lösungen zu finden, die für alle Schichten und Gruppen der Bevölkerung akzeptabel sind. Das ist die grosse stabilisierende Funktion der Volkspartei der Mitte. Das ist keine Kleinigkeit, sondern um der Nachhaltigkeit einer freiheitlichen, demokratischen Ordnung willen unverzichtbar.

Wir haben aus der Finanzmarktkrise schmerzhaft erfahren, dass Menschen – und damit Märkte – zu Übertreibungen neigen, und dass diese Übertreibungen zerstörerisch sein können, für die Menschen wie die Märkte. Wir sind deshalb in Deutschland, in Europa und innerhalb der G-20 dabei, den Finanzmärkten die Möglichkeit zu nehmen, sich durch Übertreibungen selbst zu zerstören.

Aber wir werden uns davor hüten, dass das Pendel zu stark in die gegenteilige Richtung ausschlägt. Nur mit Kontrolle, Regulierung und Bürokratisierung ist die Effizienz einer sozialen Marktwirtschaft nicht annähernd zu erreichen. Deshalb braucht es Werte als Grundlage für Orientierung, und deshalb ist für uns das christliche Menschenbild grundlegend für unsere programmatischen Bemühungen.

Die christlichen Volksparteien müssen versuchen, einen mittleren Weg zu gehen. Auch deshalb ist das Subsidiaritätsprinzip für die christlich-demokratischen Volksparteien so wichtig. Vorrang haben die kleineren Einheiten, die Familie und die Kommunen. Sie sollen so viel wie möglich selbst regeln, weil sie dazu besser in der Lage sind. Nur dann, wenn es nicht anders geht, muss als Ultima Ratio die übergeordnete Einheit, der Bundesstaat, die verfasste politische Gemeinschaft tätig werden.

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