Den Anstoss für die neue Debatte über Frontalunterricht geben Studien: Victor Lavy, ein israelischer Forscher, hat herausgefunden, dass Frontalunterricht vor allem die Testergebnisse von Mädchen und bildungsfernen Lernenden positiv beeinflusse, ein deutsches Team hat experimentell belegt, dass eine Erhöhung des Anteils von Frontalunterricht um zehn Prozent Testresultate verbessere.

Dieser Erkenntnisse sind nicht neu: An pädagogischen Hochschulen wird der Frontalunterricht nicht verteufelt. Gut ausgebildete Lehrpersonen können effizient frontal unterrichten und tun das auch.

Stossend an der Diskussion ist, dass vergessen geht, wie limitiert die Vorstellungen von Schule, Unterricht, Funktion der Lehrperson, Leistung und Erfolg sind, die mit dem Lob des Frontalunterrichts verbunden sind. Stillschweigend wird angenommen, alle Schülerinnen und Schüler müssten dasselbe lernen, müssten es von einer Lehrperson lernen und würden nur Leistung erbringen, wenn sie in standardisierten Vergleichstests besser abschneiden als andere.

Dabei geht vergessen, wie wichtig es ist, einen eigenen, inneren Massstab zu entwickeln. Die Schule sozialisiert junge Menschen heute so, dass sie selber nicht entscheiden dürfen, was sie lernen wollen, wie sie lernen wollen und wie gut sie etwas gelernt haben. Nicht einmal ihre Lehrerin oder ihr Lehrer darf das entscheiden, sondern es wird von aussen (von wem eigentlich?) vorgegeben. »Ich habe keine Lust auf Geografie«, ist eine Klage, die man in vielen Klassen regelmässig hört. Sie nützt nichts: Platentektonik muss gelernt werden. Warum? Lehrplan, Prüfungen, Arbeitswelt – eine Reihe von Schlagwörtern, welche die Motivation der Lernenden ignorieren.

Der australische Bildungswissenschaftler John Hattie hat in einer Analyse von 800 Studien 150 Faktoren verglichen, die den Lernerfolg prägen. Die wirkungsvollsten Faktoren sind Selbstbewertung der Lernenden, stufengerechte Methoden, individuelle Unterstützung bei Lernschwierigkeiten und Glaubwürdigkeit der Lehrperson. Viele Elemente von Frontalunterricht sind zwar effizient, bei Hattie aber Teil eines umfassenderen Blicks auf Lehren und Lernen. Es gibt nicht eine Lehrmethode, die den Vorzug vor allen anderen erhalten sollte, sondern unterschiedliche Zugänge, die für verschiedene Schülerinnen und Schüler andere Effekte zeigen.

Aus diesen Überlegungen ergibt sich ein zentrales Argument gegen den Frontalunterricht: Wenn 25 Menschen gleichzeitig dasselbe hören, lernen dabei nicht alle von ihnen so viel, wie sie lernen könnten. Natürlich sollen sie inspirierenden Lehrenden zuhören: Zu dem Zeitpunkt, an dem sie dafür offen sind und davon profitieren. Und wann dieser Zeitpunkt ist, müssen sie selber entscheiden lernen. Kinder und Jugendliche wollen lernen (und wenn sie das einmal nicht wollen, dann haben sie vielleicht sogar das Recht dazu). Sie werden es dank Social Media immer stärker informell und individuell tun, unterstützt durch technische Geräte und Expertinnen und Experten, die ihnen zeigen, wie man Gitarre spielt, chinesische Wörter ausspricht oder mit binomischen Formeln umgeht. Mit Schulungsvideos (z.B. von der erfolgreichen Kahn-Academy) lernen Jugendliche heute einen breiten Fächer von Kompetenzen ausserhalb der Schule.

Diese Lernprozesse sind oft nicht vergleichbar und nicht standardisierbar, weil Lernen das nicht ist. Standards führen dazu, dass Kühlschränke in jede Küche passen. Betrachten wir unsere Kinder als Kühlschränke und das Leben als Küche, dann sollten wir Lernen stärker durch Standards strukturieren. Werden aber individuelle Voraussetzungen und Eigenschaften berücksichtigt, dann ist Lernen nur im Dialog mit den Schülerinnen und Schülern möglich. Sie dürfen ihre Interessen einbringen und müssen lernen, auf ihre Bedürfnisse zu achten.

Der Frontalunterricht erlebt einen Aufschwung, weil pädagogische Grundeinsichten vergessen gehen: Lernen ist ein individueller Prozess, bei dem unterschiedliche Methoden wünschenswerte Resultate liefern, die sich nicht immer vergleichen lassen. Traditionelle Lehrmethoden funktionieren heute im Vergleich mit mittelmässig umgesetzten Alternativen besser. Aber sie sind nicht per se wirkungsvoller als offene Lernumgebungen, eigenständige Lernprozesse und echte Kollaboration unter an gleichen Themen interessierten Lernenden.

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