Der Kommentar: Die Vertreibung des tunesischen Präsidenten Ben Ali darf ohne Übertreibung als historisches Ereignis bezeichnet werden – mit weitreichenden Folgen. Erstmals überhaupt seit seiner Unabhängigkeit vor einem halben Jahrhundert nimmt das Volk eines Maghreb-Staates die Dinge selber in die Hand. Die Tunesier rieben sich am Samstag wohl als Erste die Augen: 23 Jahre lang hatten sie einen zutiefst korrupten Polizeistaat geduldet – um sich seiner quasi über Nacht zu entledigen. Und dies wohlgemerkt ohne Beteiligung der Islamisten: Augenzeugen berichten, dass die «Barbus», die bärtigen Moslemextremisten, systematisch davongejagt wurden, wenn sie sich den Protestzügen in Tunis und den Provinzstädten anschliessen wollten.

Es ist nicht auszuschliessen, dass die gemässigten Islamisten in Tunesien wie in der Türkei an Einfluss gewinnen und sich an dem demokratischen Übergang zu beteiligen suchen (derzeit ist ihre Ennadah-Partei in Tunesien verboten). Wie in Ankara wachen aber die Generäle über den tunesischen Laizismus – die positivste Hinterlassenschaft Ben Alis. Zumal die Armee im Volk beliebter ist als die berüchtigte Polizei. Die Frage ist, ob sie sich mit dieser Wächterrolle zufriedengeben wird.

Offen ist auch, ob die Vorgänge in Tunesien über die Landesgrenzen hinaus wirken werden. Libyen bleibt allerdings fest im Griff Gaddafis, Marokko unter der Kontrolle von Mohammed VI. – und Algerien ist auf dem Papier schon eine Demokratie. Ein Flächenbrand im Maghreb scheint deshalb eher unwahrscheinlich.

Psychologisch wird die tunesische Revolution jedoch eine gewaltige Signalwirkung auf den gesamten arabischen Raum zeitigen. Dort hat nun eine ganze Landesbevölkerung vorgemacht, wie man sich eines Despoten entledigen kann, ohne gleich den Islamisten aufzusitzen. Das macht Hoffnung. Die Tunesier haben es in der Hand, Millionen von Arabern mit dem guten Beispiel voranzugehen. Sie können aufzeigen, wie sie dieser Weltregion aus eigener Kraft das bringen können, was die Amerikaner dem Irak mit Gewalt aufzwingen wollten: Demokratie.

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