Der Kommentar: Erstens: Warum sollten aus der Wahl eines amerikanischen Präsidenten überhaupt Rückschlüsse auf die Schweizer Politik gezogen werden? Die Ausgangslage in den beiden Ländern ist grundverschieden. Dort der Flächenstaat, wo selbst regionale Behörden in einzelnen Bundesstaaten mehrere Autostunden entfernt sind, hier ein Kleinstaat der kurzen Wege – sowohl geografisch als auch im Kontakt mit der Verwaltung. Dort ein von Gezänk und Blockaden gezeichnetes System, das zu Reformunfähigkeit und unendlichem Kleinklein neigt, hier ein Konkordanzsystem, dessen Mühlen zwar ebenfalls langsam mahlen, das aber Politikern und Bürgern die notwendigen Instrumente in die Hand gibt, um Blockadesituationen zu vermeiden. Dort ein System im Dauerwahlkampf – alle zwei Jahre um das Repräsentantenhaus und einen Drittel des Senats, alle vier Jahre um das Präsidentenamt –, hier eine vergleichsweise wohltuend langfristige Perspektive ohne eigentliche Machtwechsel. Die Liste liesse sich fortschreiben. Angesichts unseres guten Bildungswesens, der intakten sozialstaatlichen Institutionen und der ausgezeichneten Infrastruktur selbst in wirtschaftsschwachen Regionen fragt sich, ob man nicht Äpfel mit Birnen vergleicht, wenn man analog zu den USA auch in der Schweiz nach den «Vergessenen» in der Bevölkerung sucht. Niemand bestreitet, dass auch hierzulande eine Gruppe der «Abgehängten» existiert. Doch sie ist weder von der Politik vergessen noch mit ihren Nöten ganz allein gelassen. Das kleinräumige gesellschaftliche Netz fängt sie auf und trägt sie auch.

Zweitens: Was verleitet unsere Politiker bloss zu der selbstverleugnenden Aussage, dass sie bisher die Sorgen der eigenen Bevölkerung nicht ernst genommen hätten? Der Verdacht liegt nahe, dass es sich letztlich um eine politisch opportune Floskel handelt. Es ist das, was dieser Tage die Leute von einem Politiker hören wollen; die Aussage minimiert das politische Risiko. Für die Schweiz ist sie jedoch ziemlich deplatziert.

Seit Jahrzehnten bekundet die hiesige Bevölkerung höchstes Vertrauen in die eigene Regierung, gemäss einer aktuellen Umfrage der OECD sind es 77 Prozent. Zum Vergleich: Die USA befinden sich am andern Ende der Rangliste mit ganzen 35 Prozent, die der Regierung Vertrauen schenken.

Ein anderes Beispiel ist die Mär von Politikern, welche die Wähler belügen würden. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass unter Schweizer Politikern die Wahlversprechen zu 85 Prozent mit dem Stimmverhalten nach der Wahl übereinstimmen, auch dies ein internationaler Spitzenwert. Schweizer Politiker sind, verglichen mit ausländischen Amtsträgern, sehr nah bei den Wählern; sie sind Teil der Bevölkerung und keineswegs eine abgehobene «Classe politique», wie uns die eigenen Populisten weismachen wollen. In der direkten Demokratie ist die Erdung der Politiker, die ständige Rückbindung an die Bevölkerung systemisch garantiert.

Drittens: Die Schlussfolgerungen, welche die Schweizer Parteien aus der Trump-Wahl ziehen, heissen unisono: Mehr von dem, was man ohnehin bereits macht. Entscheidend ist dabei die politisch gefärbte Interpretation der vorhandenen (oder als vorhanden dargestellten) Probleme. Die SP forciert Vorhaben, die den Neoliberalismus und den Freihandel attackieren. Die SVP findet Bestätigung ihrer Antiausländerpolitik. CVP und FDP sehen die Notwendigkeit ihrer Kompromissfähigkeit gestärkt, um vernünftige Lösungen zu ermöglichen.

Weil aber die Verhältnisse in der Schweiz dem Vergleich mit den USA nicht standhalten, kommen diese Reaktionen einem politischen Schattenboxen gleich. Die Trump-Wahl löst bei keiner Partei einen grundlegenden Politikwechsel aus, und sie muss es auch nicht. Sie ist vielmehr ein Ereignis, das grösstenteils bereits bekannte Forderungen erneut an die Oberfläche spült.

Die Schweiz ist nicht die USA. Infrastruktur, öffentliche Dienstleistungen und das soziale Netz funktionieren bis in die hintersten Täler. Unsere Politiker haben kaum Grund, ihre eigenen Leistungen klein- und eine Vertrauenskrise herbeizureden. Am
Ende profitieren davon nur die Populisten.

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