Der Kommentar: Die Republikaner wollten Donald Trump immer verhindern, sie werden am Ende wohl aber diese Kröte schlucken müssen. Trumps eklatante Schwächen dürften erst nach seiner offiziellen Nominierung wirklich in den Vordergrund rücken. Je länger der Wahlkampf dauert, umso mehr. Im Grunde ist Trump ein wirrer und widersprüchlicher Kandidat. Wie ein Berserker wütet er durch den Vorwahlkampf und beleidigt alles und jeden. Die «New York Times» führt Buch und zählt bislang 202 von ihm Beleidigte und Beschimpfte. Seine Tiraden treffen Freund und Feind. Dabei schreckt er nicht vor Tabubrüchen wie offenem Rassismus oder der Verhöhnung behinderter Menschen zurück. Auch mit der Wahrheit nimmt er es nicht sehr genau: Der Truth-o-Meter von Politifact stuft nicht weniger als 77 Prozent seiner Aussagen als zum grössten Teil falsch oder glatte Lügen ein. Hinzu kommt die zunehmende Gewalt an seinen Veranstaltungen. Diese wird von Trump noch gefördert, indem er öffentlich dazu aufruft, Störenfriede zu verprügeln – er werde im Gegenzug für die Anwaltskosten aufkommen.

Erstaunlich ist, dass all dies selbst die Medien und die politischen Gegner kaum zu stören scheint. Dies würde sich nach einer Nominierung jedoch deutlich ändern. Ein Kandidat, der so viel Angriffsfläche bietet, wäre dann für Medien und Demokraten ein gefundenes Fressen.

Die republikanische Partei könnte sich hinter Ted Cruz versammeln, um Trump zu verhindern. Doch auch diese Option löst keine Begeisterung aus. Cruz ist bei der republikanischen Führung ähnlich unbeliebt wie Trump und nimmt dazu noch deutlich extremere und konservativere Positionen ein als Trump. Noch vor einem Jahr wurde er selbst unter den republikanischen Stammwählern als bei weitem zu extrem und zu unbeliebt eingestuft, um den Hauch einer Siegchance zu haben. Ein republikanischer Senator hat die Wahl zwischen Trump und Cruz denn auch mit der Wahl zwischen sich zu erschiessen oder zu vergiften verglichen.

Tatsächlich vertreten beide oft ähnliche Positionen. So bei Migrationsfragen, Steuerreduktionen, der Haltung zu Muslimen oder zur Syrienpolitik. Trump fährt aber einen weniger ideologisch und religiös geprägten Kurs als Cruz. Dies zeigt sich zum Beispiel bei gesellschaftlichen Fragen wie dem Schwangerschaftsabbruch, den Trump früher generell und heute in besonderen Fällen befürwortet, während Cruz ihn auch bei Vergewaltigungsopfern kategorisch ablehnt. Die grössten Unterschiede finden sich jedoch bei der Sozialpolitik. Cruz möchte die von Obama eingeführte allgemeine Krankenversicherung wieder vollständig abschaffen, Trump hingegen fordert lediglich Anpassungen. Auch will Trump keinen Kahlschlag bei anderen Sozialleistungen. Bei diesen Fragen, wie auch mit seiner Ablehnung des Freihandels, hat Trump viel Gespür für die Sorgen der amerikanischen Arbeiter bewiesen, was ihn zu einem gefährlicheren Gegner für die Demokratin Hillary Clinton macht als Cruz.

Wobei der Versuch, Trump auf seinen Positionen zu behaften, dem Versuch gleichkommt, einen Pudding an die Wand zu nageln. Seine Positionen sind oft schwammig, und er wechselt sie gerne auch wieder. So hat er noch vor wenigen Jahren ein Verbot von halbautomatischen Waffen befürwortet, genauso wie die Liberalisierung von Drogen oder eine höhere Besteuerung der Reichen. Alles Dinge, von denen er heute nichts mehr wissen will. Insgesamt ist Cruz in seinen Positionen nicht nur deutlich konservativer und extremer als Trump, er ist auch ein Dogmatiker und bleibt stur bei seinen Meinungen. Ein Journalist hat es so formuliert: «Bei Trump ist alles nur Show. Doch Cruz glaubt wirklich an das, was er vertritt – und das macht ihn gefährlich.» Es macht ihn aber auch für breite Wählerschichten in der Mitte unwählbar.

Alles in allem dürfte Trump der unangenehmste Gegner für Hillary Clinton sein. Er mobilisiert in den Vorwahlen Wähler, wie es nur Obama 2008 geschafft hat, und kommt bei den einfachen Leuten an, die kaum von der Globalisierung profitiert haben und Angst vor Jobverlust und kulturellem Wandel haben. Allerdings schreckt Trump auch viele andere wichtige Wählergruppen mit seinen Auftritten ab, und es bestehen berechtigte Zweifel, ob seine Kampagne genügend inhaltliche Substanz aufbauen kann, um gegen Clinton zu bestehen. In einem normalen Wahljahr wäre das Rennen gelaufen und Clinton die sichere Wahlsiegerin. Doch was ist schon normal an diesem Wahlkampf?

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