Der Kommentar: Es ist Anfang Mai, die Tourismusbranche steht in den Startlöchern zur Sommersaison. Die «Grand Tour of Switzerland» lädt ein zur Entdeckungsreise durch die Schweiz. Die Schönheiten von Landschaft und Natur waren in der Vergangenheit Garanten für eine hohe touristische Anziehungskraft. Doch wie viele Touristen machen sich heute auf den Weg in und durch die Schweiz? In Zeiten der Frankenstärke sind teils massive Einbussen zu verzeichnen. Diese Entwicklung ist angsteinflössend. Die Alarmsignale scheinen jedoch nicht gehört zu werden. Das mag daran liegen, dass die Situation nicht überall gleich ist: Die Städte prosperieren – in den Berggebieten bleiben die Gäste aus. Es ist Zeit zum Handeln.

Der Entscheid der Schweizerischen Nationalbank (SNB) vom 15. Januar 2015 traf die Tourismuswirtschaft wie ein Paukenschlag. Über Nacht wurden die touristischen Angebote für Gäste aus dem Euro-Raum um bis zu 20 Prozent teurer. Gleichzeitig wurden die Angebote im Ausland für Schweizerinnen und Schweizer preislich noch attraktiver. Damit wurde eine Tendenz beschleunigt, die bereits mit der Finanzkrise 2008 begann. Seitdem sind die Übernachtungszahlen der deutschen Gäste um fast 40 Prozent gesunken. Gleichzeitig zog es immer mehr Schweizer nach Deutschland: Die Zunahme der Zahl der Schweizer Gäste in Deutschland war etwa gleich gross wie die zahlenmässige Abnahme der deutschen Gäste in der Schweiz. Zwar wurden erfolgreich neue Märkte erschlossen. Doch entscheidend für die Tourismuswirtschaft ist weniger die Anzahl der Gäste als die Wertschöpfung, die sie generieren. Die europäischen Gäste haben ein komplett anderes Reiseverhalten als jene aus Asien, die in der Regel weder wandern noch Ski fahren und den alpinen Raum oft nur als Tagesgäste besuchen. Den Berggebieten, in denen bereits die Nachfrage der europäischen Gäste teils bis zu 40 Prozent eingebrochen ist, bringt das fast keinen Umsatz.

Die Folgen der Frankenstärke gehen an die Substanz, gefährden Betriebe und Arbeitsplätze. Schon in den 90er-Jahren kostete die Rosskur vom als «Job-Killer» kritisierten damaligen Nationalbankpräsidenten Markus Lusser 150 000 Stellen. Die restriktive Geldpolitik der SNB liess den Franken erstarken, ähnlich wie heute die Aufhebung des Mindestkurses. Damit geriet die Realwirtschaft unter massiven Druck. Der Entscheid der SNB vom vergangenen Jahr schlägt mittlerweile mit rund 50 000 verlorenen Arbeitsplätzen zu Buche. Wie viele mehr müssen es werden, damit endlich etwas dagegen unternommen wird? Neben der Frankenstärke ist der finanzielle Druck auf der Hochkosteninsel Schweiz für die Betriebe eine grosse Last. Kein anderes Land dieser Welt kämpft mit so hohen Kosten. Eine Arbeitsstunde in der Schweiz (inklusive Sozialbeiträge) kostet mehr als doppelt so viel wie im europäischen Durchschnitt und auch praktisch doppelt so viel wie im benachbarten Deutschland. Die höhere Kaufkraft in der Schweiz wird von ausländischen Lieferanten zudem schamlos ausgenützt und mit ungerechtfertigten «Schweiz-Zuschlägen» bestraft. Hier gilt es anzusetzen, um wettbewerbsfähige Preise herzustellen. Viele in der Schweiz produzierende Betriebe und Anbieter von Dienstleistungen sind nicht mehr konkurrenzfähig, vor allem wenn sie ihre Leistungen im globalen Markt anbieten.

Die teils prekäre Situation speziell in der Tourismuswirtschaft beeinträchtigt das ganze Gewerbe: nämlich von der Landwirtschaft über die Lebensmittelindustrie bis hin zur Transport- und Bauwirtschaft. Das Ausmass der Betroffenheit wird bei weitem unterschätzt. Es ist unverständlich, dass die Politik angesichts der brisanten Lage tatenlos zusieht, wie ganzen Regionen Arbeitslosigkeit und Abwanderung drohen. Die Einberufung eines «Tourismus-Gipfels», wie ihn schon Alt-Bundesrat Adolf Ogi gefordert hat, ist dringend notwendig. Der Ball liegt beim Wirtschaftsminister und Bundespräsidenten Johann Schneider-Ammann. Der Courant normal reicht nicht, wenn sich das touristische Auseinanderdriften von den Städten und dem alpinen Raum so dramatisch verschärft. Die Zeit der Analysen ist abgelaufen, konkrete Taten sind gefordert. Der Werkplatz Schweiz und die Binnenwirtschaft sind aufgerufen, sich zusammenzutun und eine Kursänderung der SNB zu fordern. Die schleichende Deindustrialisierung muss gestoppt werden. Der Fortbestand des Wohlstandes unseres Landes und seiner Bewohnerinnen und Bewohner hängt davon ab.

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