Der Kommentar: In drei Tagen finden die Bundesratswahlen statt. Die vorweihnachtliche Bescherung hat System. Die Verfassung bestimmt, dass unsere Landesexekutive alle vier Jahre in corpore neu zu bestellen ist. Nicht nur für Polit-Aficionados ein garantiertes Dessert zu den Nationalratswahlen – mit Tendenz zur Versimpelung. Was während 150 Jahren als würdevoller Akt mit klandestiner Messerstecherei begangen wurde, ist heute ein Purgatorium. Mystische Qualität war einmal. Seit auch noch das letzte Lokalradio exklusiv live aus der Bellevue-Bar berichtet, ist deren Zauber dahin.

Was haben wir von den Bundesratswahlen zu erwarten? Sicher scheint, dass die Frauen ihre erst vor einem Jahr gewonnene Mehrheit in der Landesregierung verlieren. Und? Kein Hahn kräht danach. Das Thema hat sich überlebt. Nur noch letzte Gender-Apologetinnen meinen, heutige Politik unterscheide sich nach der Geschlechterzugehörigkeit derer, die sie machen. Der real existierende Bundesrat bestätigt, wie skandinavisch-unverkrampft die Frauen-Männer-Frage heute gelebt wird.

Vielleicht auch deshalb, weil die Frauen eindeutig stärker sind. Sie alle setzen politische Themen und sind dossiersicher. Calmy-Rey/Genfer Initiative, Widmer-Schlumpf/Steuerabkommen, Sommaruga/Konsumentenschutz – das kommt einem irgendwie bekannt vor. Und wer unter Doris Leuthard den Bundesrat präsidiert, ist grundsätzlich egal. Sie zelebriert ihre Unantastbarkeit derart stilsicher, dass selbst fundamentale Positionsänderungen (AKW) keine Reputationsschäden anrichten.

Bonjour Tristesse hingegen bei den Männern. Ein Rätsel, wann Burkhalter einmal etwas entscheidet. Schneider-Ammann, durchaus sympathisch, befindet sich immer noch auf Bundeshaus-Erkundungstour. Und Ueli Maurer … o.k., das mit den Kampfjets war ja clever eingefädelt. Aber welche beste Armee der Welt hat die Schweiz nun? Fazit: Die Frauen im Bundesrat (und vermutlich auch die Bundesratsfrauen) haben die Hosenanzüge an.

Wie weiter? Calmy-Rey steht nicht mehr zur Verfügung. Mit Marina Carobbio hat die SP ihre aussichtsreichste Frau der Parteiräson geopfert. Überhaupt scheint bald alles nach den Regeln des Parteienbetriebes zu laufen. Ob Widmer-Schlumpf weg, damit die SVP zwei Sitze, ob Angriff auf einen FDP-Vertreter, damit arithmetische Konkordanz, ob BDP mit CVP und, wenn ja, nur kurz oder lang und wer kann wem trauen. Unglaublich, dass die Anforderungen des Amtes nicht das primär Massgebliche der Kandidatensuche sind.

Die Schweiz mag sich das leisten, solange sie – wie seit Jahren – ihre Schulden unter Kontrolle hat, eine tiefe Arbeitslosenquote ausweist und sichere Sozialsysteme betreibt. Fragt sich, wie die helvetische Insel des Friedens die fortgesetzten Pressionen von EU und USA meistert. Und was, wenn nach der virtuellen Finanz- eine sehr reale Wirtschaftskrise auch unser Land erreicht?

Niemand, der alle Antworten kennt. Aber Vertrauen ist unabdingbar. Deshalb muss die Führungsetage als eine erprobte, glaubhafte und tatbereite personale Vorsorge erscheinen. Das lässt sich nicht durch endlose Diskussionen über Prozente und die Konkordanz erreichen. Ein erster Schritt ist der Verzicht auf Teflon-Persönlichkeiten. Deren Hauptleistung, das Vermeiden von wahrnehmbaren Fehlern, mag den unbescholtenen Gang durch die Wandelhalle gewährleisten. Ein Qualitätssiegel zur Führung eines Landes sieht anders aus.

Teflon-Persönlichkeiten finden sich in allen Parteien. Derzeit besonders deutlich, weil mit Kontrast, in der SP. Ihr Freiburger Favorit hat seit Jahren nichts anderes im Schilde geführt, als zum unausweichlichen Bundesratskandidaten zu werden. Noch seine letzte Regung ist dem hohen Ziele geweiht. Das Gegenteil von Teflon und Langeweile verkörpert seine leider aussichtslose Alternative. Pierre-Yves Maillard ist offen links, ehrlich, sehr intelligent, führt die Waadtländer Gesundheitsdirektion mit Erfolg und hat zwei Hände. Hände eines Arbeitersohns. Über seine Fähigkeiten hinaus wäre er eine glaubwürdige Vertretung der Arbeiterschaft im Bundesrat. Ein Welscher Willi Ritschard. Und wenigstens ein Mann hätte dann auch wieder etwas zu sagen.

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