Wie wäre die SVP aufgetreten, hätte sie, wie allgemein erwartet, auch die Wahlen 2011 gewonnen? Hätte sie, wie von der Parteispitze vorgegeben, mindestens 30 Prozent Wähleranteil erreicht? Hätte sie gar, wie von Mörgeli erträumt, 40 Prozent geschafft?

Unser Land war unterwegs zur «SVP-Schweiz», wie auch der Titel eines Dok-Films hiess, den das Schweizer Fernsehen diese Woche ausstrahlte – grösstenteils vor den Wahlen gedreht, wohl in Erwartung eines neuen Siegs an der Urne. Doch statt in der SVP-Schweiz leben wir nun in einer Schweiz mit einer starken, aber geschwächten SVP; drei Viertel haben andere Parteien gewählt. «Schweizer wählen SVP», der provokative Slogan, der für manche im Land etwas Beängstigendes hatte: Er klingt seit dem Wahlsonntag seltsam hohl und harmlos.

Der Wählerverlust der SVP, der erste seit 24 Jahren, wird die Schweiz mehr verändern als alle weiteren Ergebnisse vom letzten Wochenende. Natürlich gab es da auch die historischen Tiefstände von FDP und CVP; doch diese Parteien sind seit längerem im Sinkflug. Natürlich gab es da auch die spektakulären Gewinne der neuen Parteien BDP und Grünliberale; doch diese politisieren nicht viel anders als CVP und FDP und werden inhaltlich die Schweiz nicht wirklich verändern.

Die Trendwende bei der SVP aber löste nicht nur bei der Partei – mit einigen Tagen Verspätung – eine bemerkenswerte Selbstreflexion aus. Dass Christoph Blocher je von «Überheblichkeit» sprechen und damit seine Partei und sich selber meinen würde, ist ziemlich unerhört.

Nein, der Knick in der scheinbar ewig nach oben zeigenden Wählerkurve verändert auch das Land, man spürt es schon jetzt, wenn über Politik diskutiert wird. SVP-Themen und SVP-Standpunkte schienen wie Mehltau über der Schweiz zu liegen. Weil die SVP «das Volk» war, waren folgerichtig andere Meinungen entweder links, weichsinnig oder weltfremd, also in diesem Land sicher nicht mehrheitsfähig. Heute ist, wer mit der grössten Partei nicht einverstanden ist, nicht gleich ein «SVP-Hasser» oder womöglich gar kein richtiger Schweizer. Die Vorstellung, dass diese Partei erst 30, dann 40 und später, wie vom (abgewählten) Nationalrat Ulrich Schlüer zusammenfantasiert, gar 51 Prozent erreichen könnte: Sie ist weg, wirkt für viele wie ein Albtraum von gestern.

Dass die SVP unter 27 Prozent fiel und 8 Nationalräte verlor, ist für ihre Anhänger ein Schock, für viele andere aber eine Befreiung. Beide Effekte sind heilsam für die Partei und für das Land. Sie führen in der Kombination dazu, dass der Umgang mit der SVP entkrampft und normalisiert wird. Wir gegen alle, alle gegen uns: Allzu lange konnte die SVP diese Haltung zelebrieren, weil ihre Gegner mitmachten.

Nach diesen Wahlen aber wirkt die SVP schon fast wie eine ganz gewöhnliche Partei. Ironischerweise erhöht die Wahlniederlage ihre Chance auf einen zweiten Sitz im Bundesrat. Weil sie ihren Schrecken verloren hat.

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