Der Kommentar: «Du mit deinen Demos», höre sie jeweils von ihrem Sohn, sagte die distinguierte ältere Dame zu ihrer Begleiterin. Das war der erste Satz, den ich nach meiner Ankunft in Stuttgart auf der Strasse hörte. Beste Einstimmung für den Abend, an dem ich im Rahmen der «Stuttgarter Gespräche» die Geschichte des Projektes Bahn 2000 erzählen sollte.

Das Projekt hat es in sich. Die Zufahrtslinien zum Stuttgarter Hauptbahnhof werden vollständig neu trassiert. Damit verschwinden die riesigen Gleisfelder im Vorfeld des Bahnhofes, was wiederum Raum für die Entwicklung der Stadt schafft.

Dank den neuen Durchmesserlinien und einer geplanten Neubaustrecke zwischen Stuttgart und Ulm kann die Reisezeit auf der Magistrale Paris–Bratislava deutlich gesenkt werden. Seit fünf Jahren formiert sich nun der Widerstand gegen das je nach Leseart 4 bis 5 Milliarden Euro teure, hochkomplexe Projekt.

Ein rüder Polizeieinsatz gegen die Demonstranten hat die Konfrontation aber eskalieren lassen. Nun hat der Ministerpräsident von Baden-Württemberg den früheren Minister und Generalsekretär der CDU, Heiner Geissler, als Vermittler eingesetzt.

Der Intendant des Stuttgarter Theaters, welcher den Abend im Rahmen der «Stuttgarter Gespräche» organisierte, wies mich vor dem Auftritt nochmals eindringlich darauf hin, dass diese Veranstaltung neutral sei, ich solle mich von Statements für oder gegen das Projekt hüten. Im gut gefüllten Saal waren aber offensichtlich die Widerständler unter sich.

Nachdem ich meine Geschichte erzählt hatte, wurde ich regelrecht belagert. Das waren nun also die in der Diktion der Befürworter «wohlstandsverwöhnten Bürger», die «den Sinn der Veränderung nicht verstehen» und «die Emotionen in den Vordergrund stellen».

Ganz sicher entsprechen diese Menschen nicht dem landläufigen Bild eines notorischen Demonstranten. Es waren, wie sie immer wieder betonten, nüchterne Schwaben, die über erstaunlich detailliertes Fachwissen über das Projekt verfügen. Und sie stellen viele Fragen.

Ob es nicht unsinnig sei, eine Neubaustrecke mit einer 17 Kilometer langen Steigung von 30 Promille zu bauen (just zu der Zeit, wo wir uns über die Elimination der 28 Promille am Gotthard freuen). Und sie berichten mir, es seien noch längst nicht alle Planfeststellungen erfolgt. Zudem erkundigen sie sich, ob tatsächlich auch in Zürich der Kopfbahnhof verschwinde, wie das von Befürwortern immer wieder behauptet werde.

Mein Informationsstand reicht nicht aus, um mir ein persönliches Urteil über das Projekt zu erlauben. Fakt ist, dass die 130 Bauprojekte für die Bahn 2000 (darunter die Neubaustrecke Mattstetten– Rothrist) etwa gleich viel gekostet haben wie Stuttgart 21 (ohne die Neubaustrecke nach Ulm).

Was das Auditorium aber offensichtlich am meisten beschäftigte, das war meine Bemerkung über die Rolle der direkten Demokratie. Die zwinge zur Transparenz und zum Ausdiskutieren der Vor- und Nachteile einer Vorlage. Dank dieser Auseinandersetzungen führe ein Volksentscheid schliesslich zu einer breiten Akzeptanz.

Erstaunlich, dass ausgerechnet ein Bahnhof in ganz Deutschland zu einer grundsätzlichen Debatte über das alte Wort von Willy Brandt «Mehr Demokratie wagen» führt. Hier und dort spricht man gar von einer Krise der repräsentativen Demokratie. Aber auch meinen Gesprächspartnern ist es nicht ganz wohl bei der Frage, ob denn das Volk in der Lage sei, ein so schwieriges Projekt zu beurteilen.

Am Schluss wird die Diskussion wieder einfacher. Sie dreht sich um die für das Projekt nicht unrelevante Frage «Gibt es überhaupt einen Reisenden zwischen Paris und Bratislava?»

*Benedikt Weibel war von 1993 bis 2006 Chef der SBB. Heute ist er unter anderem Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Bern.

Die externen Kolumnisten und Kommentatoren des «Sonntags» äussern in ihren Beiträgen ihre persönliche Meinung.