Lerne zu klagen, ohne zu leiden. Früher waren es die Bauern, denen man nachsagte, sie würden immer nur jammern. Dann waren es die Gewerbler. Jetzt sind es bald alle. Warum bleiben sie denn hier, die Rentner zum Beispiel, die alle Freiheiten haben, auszuwandern?

Darf ich Ihnen ein paar Tipps geben? Gehen Sie nach Berlin. 3,5 Millionen Einwohner, verteilt auf 900 Quadratkilometer: Dutzende von Flüssen, Kanälen und Seen gehören zur Stadt, und nirgends ist es eng. Nirgends auf der Welt ist das Unterhaltungsangebot breiter als in Berlin, nirgends gibt es mehr noble Beizen und nirgends preisgünstigere Kneipen. Ein Auto brauchen sie hier nicht; der öffentliche Verkehr bringt Sie nicht nur zur Oper, sondern auch zum Grillieren an die Spree. Alles zum halben Preis, was Sie in Zürich zahlen müssten.

Aha, Sie sind ein Kleinstadt-Idylliker? Sie wohnen in Solothurn oder in Lenzburg? Kein Problem. Wandern Sie aus nach Bad Ems. Die malerische Kleinstadt in Rheinland-Pfalz ist ein Bade- und Kurort, der so schön gelegen ist, dass selbst die russischen Kaiser hier ihre Kuren machten, wenn ihnen das Regieren in Moskau zu mühsam wurde. Bad Ems hat 10 000 Einwohner, liegt am romantischen Flüsschen Lahn – und liegt doch zentral: 15 Auto-Minuten nach Koblenz mit 100 000 Einwohnern, 15 Minuten zur A3, 15 Minuten zum IC-Bahnhof Montabaur, eine Stunde zum Frankfurter Flughafen. Die Häuser hier kosten die Hälfte von dem, was sie in der Schweiz kosten. Und sooo schlimm sind die Deutschen ja nun auch wieder nicht. Sie mögen uns ja, uns Hinterwäldler im Land der Schokolade und der Uhren. Warum sonst kämen sie denn so zahlreich, um hier zu arbeiten?

Aber auch in Kärnten, im «Tessin» Österreichs, ist die Einwohnerzahl rückläufig! Hier gibt es blaue Seen und schneebedeckte Berge, ganz wie in der Schweiz. Nur dass die Leute hier freundlich sind: Dienen und bedienen sind ihnen kein Gräuel wie den etwas gar stolz gewordenen Eidgenossen.

Sind Sie ein Lebenskünstler? Am Lago Maggiore lebt sichs wie im Paradies. Nein, nicht in Locarno oder Ascona, sondern südlicher, auf der italienischen Seite der Landesgrenze, in Luino, in Brezzo di Bedero oder in Castelveccana. Hier leben Sie à la carte: Die Milch, das dunkle Brot und das Benzin kaufen Sie auf der Schweizer Seite, den Wein, den Käse und das Gemüse auf der italienischen. Und – an vielen Häusern hängt hier ein Schild: VENDESI, zu verkaufen ...

Aber auch für Abenteurer weiss ich einen geeigneten Ort: Sioux Lookout in Kanada. Auf 400 Quadratkilometern – viermal die Fläche Zürichs – leben hier 5600 Einwohner. Trotzdem hat der idyllische Ort am Pelican Lake ein Spital, einen Bahnhof und zwei Flugplätze – einer davon ein farbenfroher Wasserflughafen. Hier können Sie angeln und jagen. Oder Sie können auch nichts tun. Denn hier haben Sie endlich, was Sie, der engen und teuren Schweiz definitiv überdrüssig, gesucht haben: die Weite des Landes, die Weite des Wassers, die Weite des Himmels.

Und noch etwas ist anders als in der Schweiz: Sie sind hier willkommen! «Whether you are considering a visit to our community, or a permanent move, we welcome you to this beautiful and unique wilderness community that we call home!» steht auf der gemeindeeigenen Website (Ob Sie uns nur besuchen oder ob Sie für immer zu uns kommen wollen: Wir heissen Sie in dieser wunderschönen und einmaligen Wildnis, in unserer Heimat, herzlich willkommen!). Auch für immer! Ob Sie hier ein Kanadier sind oder ein Ausländer: Who cares? Wen kümmerts?

Natürlich muss die Schweiz aufpassen, dass sie nicht zu schnell wächst. Natürlich ist Wachstumspolitik, wie von der Wirtschaft gefordert, ein Game mit dem Teufel. Natürlich wird es in der Schweiz immer enger, wenn wir das Land dem freien Markt und der Spekulation überlassen. Aber mit Jammern allein hat noch keiner etwas erreicht. Leisten Sie einen Beitrag zur Abkühlung des Wachstums: Packen Sie Ihre Kaufkraft in Ihre Koffer. Statt jammern: Auswandern!

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