Staatsbetrieb auf Schleuderkurs

Etwas Solideres als die Schweizer Post hat unsere Wirtschaft nicht zu bieten. Glaubten wir bis vor kurzem. Während Banken wankten und die Swissair abstürzte, war auf den «Gelben Riesen» Verlass: Hier funktioniert alles, hier gabs keine Lohnexzesse, keinen Massenabbau, keine arroganten Manager, hier ärgerte man sich höchstens über einen verspäteten Brief oder die Schliessung einer Poststelle – doch sogar dafür brachte man Verständnis auf.

Und jetzt das. War Ulrich Gygi fast zehn Jahre Konzernchef, ging sein Nachfolger Michel Kunz bereits nach einem halben Jahr in einem Machtkampf unter. Jetzt bestimmt Verwaltungsratspräsident Claude Béglé den Kurs beim zweitgrössten Schweizer Arbeitgeber. Der «Macher», wie er sich nennt, hat komplett andere Vorstellungen von der Zukunft der Post als Gygi und Kunz.

Claude Béglé ist ein international denkender Manager, mit einer Affinität für Asien, der für Nestlé rund um den Globus tätig war. Im Interview nennt er Nestlé denn auch als Vorbild: «Die Schweizer Post muss werden wie Nestlé: Sie wird in Zukunft einen grossen Hauptsitz haben in der Schweiz, wird hier Produkte entwickeln, wird hier Steuern auf den Gewinn zahlen, den sie aber zu einem rechten Teil auch im Ausland erwirtschaften wird.»

Ist hier einer grössenwahnsinnig geworden? Nein. Es ist richtig, dass Béglé nach neuen Ideen sucht, um die Umsatzeinbusse im Inland auszugleichen – die wegen der rückläufigen Briefmenge nicht zu verhindern ist. Aber Béglé braucht ein Korrektiv: Starke Verwaltungsräte und Manager, die auch mal sagen: «Halt! Jetzt gehst du zu weit.» Hat die Post diese starken Persönlichkeiten? Sichtbar sind sie jedenfalls nicht.

Es würde nicht überraschen, wenn deshalb die Politik, also Bundesrat Leuenberger, zum Korrektiv würde. Seit dieser Woche ist jedenfalls klar: Die solide Post wird auf einen Schleuderkurs geschickt.

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