Die Nachricht: Bei den bislang heftigsten Angriffen auf Syrien hat das türkische Militär Gebiete unter Kontrolle der Kurdenmiliz YPG beschossen.

Der Kommentar: Seit Beginn der syrischen Revolution vor fünf Jahren hat die türkische Führung immer wieder «rote Linien» gesetzt und dem Assad-Regime gedroht. Doch nichts geschah. Die letzte dieser «roten Linien» war der Vorstoss der kurdischen Milizen der YPG in grosse Gebiete entlang der türkischen Grenze. Jetzt hat Präsident Recep Tayyip Erdogan reagiert. Er nimmt YPG-Stellungen unter Beschuss. Der patriotische Eifer steht über der Sorge, sich weiter in den kriegerischen Sumpf in Syrien zu verstricken, die Konfrontation mit andern Kriegsparteien – etwa Russland – zu riskieren, Verbündete wie die USA zu brüskieren und noch mehr Tote und noch mehr Flüchtlinge in Kauf zu nehmen. Und nicht zuletzt provoziert er, dass der seit einigen Monaten neu aufgeflammte blutige Konflikt mit den Kurden im eigenen Land weiter angeheizt und die Gewalt in die türkischen Städte getragen wird.

Ankara biss mit seinen Anstrengungen, die YPG als Terrororganisation einzustufen, bei den westlichen Verbündeten auf Granit. Die YPG bleibt ein Alliierter im Kampf gegen die Dschihadisten des Islamisten Staates. Im aktuellen Chaos des syrischen Kriegsschauplatzes ist der Terrorist des einen der Freund des andern. Der Terrorist von gestern wird zum Freund von heute und umgekehrt. Jeder Akteur, ob heimisch oder ausländisch, hat seine eigene, oft wechselnde Agenda.

In diesem Umfeld ist es fast unmöglich geworden, eine klare Politik zu definieren. Das gilt auch für die EU und ihr Verhältnis zur Türkei. Es ist eine Illusion, von der Türkei einen entscheidenden Beitrag zur Lösung der Flüchtlingskrise zu erwarten. Erdogan setzt andere Prioritäten und ist dabei, seinen vielen Fehlschlägen in der Syrienpolitik einen weiteren hinzuzufügen.

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