Die Nachricht: In der Schweiz gibt es eine Debatte, ob an den Universitäten zu viele Geisteswissenschafter und zu wenige Naturwissenschafter ausgebildet werden.

Der Kommentar: Wir brauchen mehr Ingenieure und Naturwissenschafter. Darüber sind wir in der Schweiz uns einig wie selten. Wieso nicht die Zahl der Studierenden in den Geisteswissenschaften einschränken? Mit dem Vorstoss der SVP für einen Numerus clausus in Fächern wie Soziologie, Ethnologie oder Geschichte wird ein inzwischen schon jahrzehntealtes Narrativ um ein Kapitel verlängert. Demnach leidet die Wirtschaft unter einer Bevorzugung der geisteswissenschaftlichen Fächer in unseren Schulen.

Dieses Mal muss man allerdings befürchten, dass es nicht bei einer weiteren MINT-Förderinitiative (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) bleibt. Angesichts des Absenders droht vielmehr ein Kulturkampf: Die «harten» Natur- und Technikwissenschaften auf der einen Seite gegen die «weichen» Geisteswissenschaften auf der anderen.

Zuallererst ist dieser Gegensatz inhaltlich falsch. Soziologie, Ethnologie und auch Geschichte oder Sprachforschung haben viel mehr mit den Naturwissenschaften gemeinsam als Mathematik oder Informatik. Es sind quasi auf die Art Mensch fokussierte Spezialdisziplinen der Biologie. Demgegenüber sind Mathematik und Informatik theoretisch-technische Konstrukte. Der Kulturkampf ist aber nicht nur intellektuell ein Kurzschluss. Mit ihm setzen wir auch unseren vielleicht grössten Vorteil im weltweiten Wirtschaftswettbewerb aufs Spiel.

Was die westliche Welt und speziell die Schweiz von anderen Volkswirtschaften unterscheidet, ist nicht das grössere technische und naturwissenschaftliche Wissen oder Können, sonder vielmehr unsere liberale Gesellschaftsordnung: Unsere kleineren ideologischen und religiösen Scheuklappen, die kreativere Ideen zulassen. Reines Engineering ist universell und kann je länger, je einfacher irgendwo auf der Welt eingekauft werden. Nicht so schnell kopieren lassen sich jedoch das freie Denken und die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen.

Ebendies sind Schlüsselkompetenzen der Zukunft. Sie erleichtern das Knüpfen weltweiter Geschäftsbeziehungen und sind Voraussetzung, um Produkte an regionale Besonderheiten anpassen zu können. Unternehmen, denen das nicht gelingt, werden es schwer haben. Nach dem Ende des Globalisierungs-Booms wird die Weltwirtschaft langsamer wachsen. Aus dem Wettrennen um schnellere Markteroberung wird ein Verdrängungskampf um Marktanteile.

So verdankt etwa das iPhone seinen Erfolg nicht einer bahnbrechenden technischen Erfindung. Den Unterschied zu früheren Smartphone-Versuchen hat das bessere Verständnis der Menschen gemacht, die das Gerät nutzen. Wir brauchen nicht mehr Ingenieure und Naturwissenschafter, sondern Köpfe, die verstehen, wie Menschen in unterschiedlichen Kulturkreisen ticken. Dafür benötigen wir mehr Geisteswissenschaften an unseren Schulen. So bekommen die Techniker – bevor sie an den ETHs, den naturwissenschaftlichen Fakultäten oder den Fachhochschulen ihr Handwerk erlernen – reichhaltige Denkinspirationen mit.

Diese Gewichtsverschiebung in Richtung Marketing ist drückt sich im Big-Data-Trend aus. Grosskonzerne investieren derzeit Hunderte von Millionen, um sich durch ein genaueres Verständnis von Informationen Vorteile zu verschaffen. Dafür benötigen sie Data Scientists, welche die riesigen Datenmengen analysieren, die Unternehmen selber, das Internet oder Sensoren anhäufen. Heute sind das Informatiker, Physiker und Mathematiker. Sie programmieren die Auswertungen, verbinden die Datenquellen sinnvoll und bauen Simulationsmodelle. All das wird man aber bald als Standardsoftware oder als Cloud-Service beziehen können. Dann wird es in erster Linie darum gehen, die richtigen Fragen zu stellen und die Antworten der Algorithmen inhaltlich zu bewerten.

Marktforschung wird im 21. Jahrhundert zum Beruf mit dem laut «Harvard Business Review» grössten Sex-Appeal. Was nichts anderes heisst, als dass Soziologen oder Ethnologen die künftigen Data Scientists sein werden.

Aber wie gesagt, sie sind auch Naturwissenschafter.

* Daniel Meierhans ist Partner von www.inhalte.ch und auf Themen an der Schnittstelle zwischen Technologie und Wirtschaft spezialisiert. Er hat an der ETHZ auf dem Gebiet der biologischen Chemie promoviert.

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