Der Kommentar: Während die Schweizer politische und Wirtschaftselite sich der einwandernden Deutschen bedient, um den Standort Schweiz global attraktiv zu erhalten und die Sozialsysteme mindestens kurzfristig zu sichern, leiden beträchtliche Teile des Schweizervolks, darunter besonders die Stadtbevölkerung und die der Agglomerationen, unter einem verschärften Sozialwettbewerb, der vielfach auf Neid beruht und verdeckten Hass auslöst. Angehörige internationaler und global denkender Institutionen haben diese Schwierigkeit nicht. Die grosse Mehrheit der lokal und regional gebundenen Bevölkerungsteile sind dem Druck auf die Saläre, dem Wettkampf um Häuser und Wohnungen sowie dem Karriere-Wettbewerb an Hochschulen und in Firmen voll ausgeliefert. Dann wird jeder Ausländer, darunter vor allem die Deutschen, zum Gegner.

Es ist daher kein Wunder, wenn Politiker, Verbandspräsidenten und oberste Unternehmensleiter die gute Zusammenarbeit mit den Deutschen unterstreichen. Auf dieser Ebene trifft es vordergründig auch zu, wenngleich nicht zu Unrecht der Verdacht besteht, gerade unsere Politiker liessen sich von ihren gewandteren deutschen Kollegen über den Tisch ziehen. Der Stuttgarter grüne Ministerpräsident Kretschmann lobt die Schweiz bei jeder Gelegenheit, macht aber in Sachgeschäften nicht die geringsten Zugeständnisse. Das gegenseitige Lob
hat eine wichtige Funktion: Man erhält damit die Gesprächs- und Verhandlungsbereitschaft.

Ganz anders ist dies in der erlebten täglichen Praxis:

Der deutsche Hochschullehrer meint in Zürich an eine internationale Universität zu kommen, sieht sich aber der Forderung ausgesetzt, «sich beliebt zu machen, indem er sich unseren Gewohnheiten anpasst». Diese Forderung seiner «wohlmeinenden» Gesprächspartner treffen auf Unverständnis, denn die lokale Kultur ist für die globale Elite unbedeutend.

Der Deutsche, in einer Auseinandersetzung um den Parkplatz, sagt zum Schweizer: «Soll ich die Polizei holen?», worauf dieser antwortet: «Dann holen Sie doch gleich die SS.»

Der unbedingte Selbstbehauptungswille des Schweizers ist vor allem ein Produkt der deutschen Schweiz, das sich, wenn auch überhöht, aus der 700-jährigen Geschichte aufbaut. Der «Sauschwabe» ist «Sauschwob» geblieben, auch wenn die Schweizer heute zu Zehntausenden nach Konstanz und Singen pilgern, um dort billiger einzukaufen. Die alemannische Kultur des Gemeinwohls, wie sie in der ganzen deutschen Schweiz bis heute anzutreffen ist, hat sich gegen das deutsche Kaiserreich, das Dritte Reich und die rheinisch-soziale Marktwirtschaft behauptet, gegen den Kommunismus ohnehin.

Nun rollt die Mitte der Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts ausgelöste Globalisierung über die Schweiz. Weil sie vier Jahrzehnte dem Land Reichtum und Wohlstand gebracht hat, ist nun die Erfahrung bitter, dass sie sich auch gegen die Schweiz wenden kann: Der Abzug industrieller Kapazitäten ist bereits Realität, Forschung und Entwicklung werden ins Ausland verlagert. Soeben bricht der Finanzplatz zusammen, ein Ende dieser Entwicklung ist nicht absehbar.

Die Deutschen wirken in dieser Situation als Gewinner. Bei jeder dritten Führungskraft in den hundert grössten Schweizer Unternehmen handelt es sich um einen Deutschen. Gleiches gilt für den Wissenschaftsbereich und das Gesundheitswesen. In den Unternehmen, wo Deutsche von der Konzernleitung oder dem Verwaltungsrat eingesetzt werden, gelten sie als zielorientiert und durchsetzungsstark, d. h. sie handeln unter Verzicht auf landesübliche Höflichkeitsformeln. Jüngstes Beispiel dafür ist die Liquidation von Serono durch die deutsche Muttergesellschaft.

Der Schweizer, seine eigene Gesellschaft als überalternd und sozial destabilisiert erlebend, reagiert darauf mit Rückzug. Soweit er von altem Vermögen oder einer Immobilienrente leben kann, bleibt das Leben erträglich. Verarmende und sozial isolierte alte Menschen flüchten in den Selbstmord oder die freiwillige Euthanasie. Die Deutschen sind auf Erfolg und Gewinn aus, der Schweizer, ob jung oder alt, flüchtet zu den Grünen. Die reichsten Schweizer, selbst zu den bedeutendsten A-Klienten aggressiver globaler Hedge Funds zählend, haben alle diese Probleme der alten B-Schweizer nicht. Sie sind in der neuen Schweiz des 21. Jahrhunderts bereits angekommen.

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