Wie sonst ist zu erklären, dass 38 Prozent der SP-Wähler der SVP-Initiative zustimmen wollen? Wie sonst ist zu erklären, dass der überzeugendste Initiativ-Gegner ein rechter Freisinniger ist: Nationalrat Philipp Müller, bekannt geworden durch seine Hardcore-Initiative, die den Ausländeranteil auf 18 Prozent begrenzen wollte?

Dazu passt, dass die europafeindliche SVP mit ihrer Initiative einen europäischen Zeitgeist trifft. In Frankreich geht Präsident Nicolas Sarkozy mit dem Rauswurf von Roma auf Wählerfang. In Deutschland fordert SPD-Chef Sigmar Gabriel die Ausweisung krimineller Ausländer, CDU-Kanzlerin Angela Merkel verkündet das Ende von Multikulti, und SPD-Mann Thilo Sarrazin löst mit seinen islamophoben Thesen ein gewaltiges Echo aus.

In den Niederlanden gewinnt der Rechtspopulist Geert Wilders mit ausländer- und islamfeindlichen Parolen die Wahlen. Alt Bundesrat Adolf Ogi, der immer noch häufig im Ausland unterwegs ist, sagte mir diese Woche: «Könnten die Deutschen, die Österreicher, die Franzosen oder die Italiener über eine solche Ausschaffungsinitiative abstimmen, würden sie diese sehr wahrscheinlich annehmen.»

Genau hier liegt die Chance der Initiativgegner, die endlich aufwachen und argumentieren sollten. Die Schweizer sind reife Stimmbürger – anders etwa als die «Wutbürger» in Deutschland («Der Spiegel»), die gegen Stuttgart 21 auf die Strasse gehen. Die Schweizer entscheiden rational und kritisch über Volksbegehren. Sie haben, als einziges Volk der Welt, Steuererhöhungen zugestimmt, Überfremdungsinitiativen abgelehnt, kürzere Arbeitszeiten verworfen. Sie entscheiden auch unpopulär.

Die Bürger werden sich auch die Ausschaffungsinitiative ganz genau ansehen. Und sich Fragen stellen: Ist es richtig, dass eine Putzfrau, die mal schwarz gearbeitet hat, ausgeschafft wird – ein Manager, der einen millionenschweren Betrug gemacht hat, aber hier bleiben darf? Ist es uns wohl bei der Vorstellung, als einziges Land in Europa die Menschenrechts- und Kinderrechtskonvention aufzukündigen, was bei einer Umsetzung der Initiative unabdingbar wäre?

Ist es klug, Rückschiebeabkommen etwa mit Nigeria aufs Spiel zusetzen, sodass wir am Ende gar nicht mehr in Problemländer ausschaffen können? Ist es eines freiheitlichen Landes würdig, für Schweizer und Ausländer zweierlei Rechtssysteme zu schaffen? Und: Ist die heutige Ausschaffungspraxis, die auf den Gesetzen basiert, die Christoph Blocher als SVP-Bundesrat durchgesetzt hat, eigentlich so schlecht – zumal wir sie mit dem Gegenvorschlag verschärfen können?

Diese Fragen werden sich die Bürger genau überlegen. Darum ist eine Sensation möglich. Die Sensation, dass die Schweizer eine gut klingende, aber kontraproduktive Initiative ablehnen. Als einziges Volk der Welt.