Wie dramatisch die Lage ist, zeigte sich am vergangenen Freitag. Der Euro-Franken-Kurs touchierte ganz knapp die magische Untergrenze von 1.20 Franken für einen Euro. Der Kurs notierte am Nachmittag bei exakt 1.2005. Das ist der tiefste Stand seit Einführung der Untergrenze (sieht man von den technischen Pannen ab, als der Euro kurzzeitig unter die Marke fiel). Man muss annehmen, dass die SNB am Freitag wie auch an den Tagen zuvor auf dem Devisenmarkt intervenieren musste, um den Mindestkurs zu verteidigen.

Dabei hätte alles anders kommen sollen, als Jordan vor sechs Monaten den Mindestkurs einführte. Er ging davon aus, dass die Schwäche des Euros nur vorübergehend sei. Das Kalkül war: den Franken bei 1.20 an den Euro anzubinden, um die Preisstabilität zu sichern und die Exportwirtschaft zu schützen. Sobald der Euro sich wieder erholen würde, sollte die Untergrenze wieder aufgehoben werden. Doch daran denkt derzeit niemand.

Eigentlich hätte es der SNB-Präsident wissen müssen, dass die Wette auf eine Erstarkung des Euros nicht aufgehen würde. Der Geldtheoretiker legte in seiner Dissertation bereits 1994 die systemischen Schwächen des Euros offen und schrieb: Weil die EU eine Solidargemeinschaft sei, habe «die Bildung der Währungsunion deshalb mit grosser Wahrscheinlichkeit früher oder später die Gründung einer europäischen Fiskalbehörde zur Folge». Doch die EU ist keine Solidargemeinschaft. Das zeigte sich einmal mehr am letzten EU-Gipfel: Deutschland will keine Transferzahlungen in den schwachen Süden leisten, der in einer Negativspirale gefangen ist.

Doch wenn es im Euroland keine Solidarität gibt, wird es bald auch keinen Euro mehr geben. Die Nonchalance, mit welcher deutsche Politiker und Wirtschaftsführer den Austritt Griechenlands aus der Eurozone herbeireden, ist erstaunlich. Und auch brandgefährlich. Niemand kann das Szenario eines Auseinanderbrechens durchspielen. Es besteht das Risiko, dass es zu einem Flächenbrand kommt. Devisenexperten warnen, dass die deflationären Tendenzen in der Eurozone auf einen Schlag in eine unkontrollierbare Inflationshysterie umschlagen könnten. Das wäre dann der perfekte Sturm.

Für den Nationalbank -Kapitän Thomas Jordan ist ein solches Szenario mit extremen Risiken verbunden. Durch ihre Devisenkäufe sitzt die Nationalbank auf riesigen Schuldenbergen aus dem Euroraum, die plötzlich massiv viel weniger wert sind. Die SNB könnte während Jahren keine Gewinne mehr an die Kantone ausschütten.

Übrigens: Die Andrea Gail gab es tatsächlich. Das Schiff ist am 21.September 1991 auf der Neufundlandbank gesunken. Die Wellen sollen 18 Meter hoch gewesen sein.

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