Ob Krippen vor vierzig Jahren generell «uniformierte Schreckschrauben» als Aufseherinnen hatten und schlechtes Essen servierten, weiss ich nicht. Ich weiss aber, wie es heute ist. Unsere Mädchen zumindest lieben es, an zwei Tagen in der Woche in die «Villa Tortuga» zu gehen, wie die Krippe heisst. Die Krippe, getragen von privaten Firmen, hat sympathische und kompetente Leiterinnen, ist ein Spielparadies und der Menüplan lässt keine Wünsche offen.

Die verbissenen Kämpfer gegen den Familienartikel, über den das Schweizervolk am 3. März abstimmt, scheinen, wie Köppels Erinnerungen, aus einer anderen Zeit zu stammen. Dass man im Jahr 2013 Krippen verteufelt, hat etwas geradezu Belustigendes. Argumente und Bildsprache auf den Plakaten – schreiende und weinende Kinder – erinnern an die Kampagne gegen das Frauenstimmrecht. Nur schon der Name des Nein-Komitees («Gegen die Verstaatlichung der Kinder») ist bizarr und wirft die Frage auf, ob dessen Mitglieder den Verfassungsartikel je gelesen haben, der zur Abstimmung steht. Dieser lautet:

«Der Bund berücksichtigt bei der Erfüllung seiner Aufgaben die Bedürfnisse der Familie. Er kann Massnahmen zum Schutz der Familie unterstützen.
Bund und Kantone fördern die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit oder Ausbildung. Die Kantone sorgen insbesondere für ein bedarfsgerechtes Angebot an familien- und schulergänzenden Tagesstrukturen.
Reichen die Bestrebungen der Kantone oder Dritter nicht aus, so legt der Bund Grundsätze über die Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit oder Ausbildung fest.»

Mehr steht nicht drin im Artikel 115a, nur darüber stimmen wir ab. Wie man auf die Idee kommen kann, dass dadurch «Kinder verstaatlicht» würden oder dass dieser Artikel «die Auflösung der Familie zum Ziel hat», wie Christoph Blocher sagte, bleibt das Geheimnis der Gegner. Ebenso rätselhaft ist, wie diese behaupten können, der Artikel führe zu Kosten von bis zu 12 Milliarden Franken.

Dieser Paragraf kostet gar nichts, er ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als eine Aufforderung an Politik und Wirtschaft: Tut etwas, damit die Schweiz familienfreundlicher wird. Kosten würden erst konkrete Vorhaben, die man, gestützt auf den Artikel, lancieren könnte. Zum Beispiel die Förderung von Krippen und Tagesschulen. Ob und wie genau man das will, darüber werden das Parlament und am Ende das Volk dann wieder abstimmen können.

Die Schweiz ist vielleicht das letzte Land in Europa, wo bürgerliche Politiker Krippen und arbeitende Mütter verwünschen. In Deutschland war es die bürgerliche Regierung von CDU-Kanzlerin Angela Merkel, die gar einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz eingeführt hat. Die zuständige Arbeitsministerin Ursula von der Leyen hat recht, wenn sie die starke Nachfrage nach Krippenplätzen im Interview (Seite 2) wie folgt kommentiert: «Junge Menschen, die Kinder haben, Verantwortung übernehmen und den Lebensunterhalt selber verdienen möchten: Das ist doch das Beste, was einer Gesellschaft passieren kann!»

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