Sind Badeferien Landesverrat?

Kaum sind die Sommerferien vorbei, liegen in den Reisebüros die druckfrischen Kataloge für die Herbst- und Wintersaison. Wir haben deren Preise mit den Katalogen des letzten Jahres verglichen, und siehe da: Oft kann man an den gleichen Ort ins selbe Hotel verreisen – und zahlt 10 bis 36 Prozent weniger. Bei Coop Travel heisst es, Flugpauschalreisen seien, seit man sie anbiete, noch nie so günstig gewesen.

Für den Schweizer Tourismus kommt dieser Preissturz im dümmsten Moment. In unseren Feriengebieten bleiben die ausländischen Gäste wegen der Frankenstärke aus. Darum sind die einheimischen Gäste wichtiger geworden – sie stützen die Branche. Doch will man einer Familie verargen, die sich nun fragt: Wenn Herbst- oder Winterferien in den Bergen doppelt so teuer sind wie eine Woche Badeferien, sollen wir dann nicht ans Meer fliegen? Ferienpatriotische Appelle werden die Probleme unseres Tourismus nicht lösen. Wohin wir reisen, ist zum Glück jedem selbst überlassen.

Die Konsumenten sollten jedoch über ihre Widersprüche nachdenken: Wir stimmen für die grüne Zweitwohnungsinitiative, gehen dann aber nicht in die Berge wandern, sondern steigen in den Billig-Jet nach Gran Canaria. Wir wollen im eigenen Land die strengsten Lebensmittel- und Tierschutzvorschriften, was die Preise erhöht, geniessen das Fleisch aber nicht in der hiesigen Gastronomie, sondern bedienen uns am All-inclusive-Buffet mit EU-Fleisch aus Massentierhaltung. Und wir werfen den Hoteliers vor, zu viele Ausländer einzustellen und Löhne zu drücken, begegnen dem Personal aber gar nie, weil wir lieber an der Strandbar die Rechnung gönnerhaft aufrunden.

Zwar wird das Ferienland Schweiz preislich nie mit Billigdestinationen mithalten können. Es ist richtig, dass man auf Qualität setzt, und die darf auch etwas kosten. Aber es kommt nicht gut, wenn hierzulande nur noch das obere Segment angesprochen wird. Die Tourismusbranche muss effizienter werden, doch auch die Politik und somit wir als Stimmbürger müssen (Stichwort Landwirtschaft) dazu beitragen, dass der Tourismus günstiger werden kann – und damit für den Mittelstand erschwinglich. Denn nichts gegen Badeferien. Aber Familienferien in den Bergen sind als Erlebnis unschlagbar.

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