Doch New York ist nicht der ideale Ort, um das Konsumverhalten des amerikanischen Durchschnittsbürgers, dem „Average Joe“, zu beschreiben. Dafür muss man, wie überall in Amerika, aus den grossen Städten raus zum Megashop mit den sieben Buchstaben: Walmart. Anstatt New York lautet die Shoppingdestination also beispielsweise Secaucus, Kearny oder North Bergen, allesamt mittelgrosse Städte im angrenzenden Staat New Jersey.

Wer seine Vorurteile gegenüber Amerikanern bestätigt sehen möchte, wird bei Walmart fündig. Der weltgrösste Detailhändler ist sozusagen der Altar des amerikanischen Konsumwahns – und ein Kulturschock für jedes Migros- und Coopkind. Der Megashop ist 24 Stunden geöffnet und verkauft alles, was man den Tag oder die Nacht hindurch so braucht. In allen Grössen. Vor allem XL. Und XL plus. Mundwasser? 1.5 Liter. Mayonnaise? 650 Gramm. Waschmittel? 4.5 Liter.

Die Preise hingegen sind XS. Wie wärs mit einem Prepaid-Handy für 9.88$? Sechs weisse Unterhosen für 7.84$? Oder einer Winterjacke made in China für 24.99$? Allerdings haben auch die tiefen Preise ihren Preis. Immer wieder steht Walmart in der Kritik wegen schlechter Arbeitsbedingungen und der (indirekten) Förderung von Sweatshops.

Michelle Obamas Kampf
Am Schluss des Shoppingtrips, wenn die Kauflust befriedigt ist und sich der Heisshunger bemerkbar macht, gibt’s dann noch 20 Chicken-Nuggest und zwei grosse Colas für 9.99$. Denn – wie praktisch – eine McDonald’s-Filiale hat’s im Walmart auch. Genau so wie eine Apotheke, und einen Optiker. Zurzeit kann man sich bei Walmart, inmitten der riesigen Türme aus Cola-Flaschen, Chips und Cornflakes, eine Grippen-Impfung verpassen lassen. Und im Frühling bietet der Steuerberater seine Dienste an.

Kurios ist nicht nur das Angebot, sondern zuweilen auch die Kundschaft, die sich zwischen den Regalen tummelt. Dies zeigt nicht nur ein Besuch einer Filiale, sondern auch die Homepage peopleofwalmart.com, auf der sich User einen Spass daraus machen, Fotos der schrägsten Einkäufer mit der Internetgemeinschaft zu teilen. Trauriger Weise sind darauf auch viele Fotos von stark übergewichtigen Menschen.

Wenn man plötzlich ein Piepsen hört, so gehört das elektronische Signal oft einer an Fettleibigkeit leidenden Kundin, die mit ihrem Elektromobil den Rückwärtsgang eingeschaltet hat und nachher wieder um die Ecken kurvt. Michelle Obama hätte in jeder Walmart genügend zu tun. Schliesslich hat sich die First Lady die Fettleibigkeit der Amerikaner auf ihre politische Themenfahne geschrieben. Zu recht: Mehr als ein Drittel der Erwachsenen in den USA sind übergewichtig. Bei Kindern sind es bereits 17 Prozent.

Weltweit zweitgrösste Firma
Walmart ist vor allem der Krämer der Unterschicht, während die Mittelschicht lieber bei Geschäften wie Safeway, Lucky oder Target einkauft. Oder bei den frischen Supermärkten Whole Foods Market oder Trader Joe’s. Und das Geschäft brummt, auch wenn Walmart kürzlich Platz 1 in der Fortune-Top-500-Liste der weltgrössten Unternehmen dem Ölkonzern Exxon Mobil überlassen musste.

Die rund 9000 Filialen erzielten im vergangenen Jahr weltweilt knapp 450 Milliarden Dollar Umsatz (plus 6 % gegenüber 2010), und scheffelten einen Gewinn von 15.7 Milliarden Dollar. Übrigens: Von 1985 bis 1992 war Hillary Clinton Verwaltungsratsmitglied von Walmart – bis ihr Mann Bill Präsident wurde.

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Kuriose Walmart-Kunden:
www.peopleofwalmart.com/photos/