Der Kommentar: Mehr Aufmerksamkeit als Sissi, die Tunnelbohrmaschine, bekommt sonst nur Fidel, der Revolutionär. 12 Stunden soll seine längste Rede gedauert haben und war für das kubanische Fernsehen eine Art Telekolleg, sprich: Bildung für alle Schichten. Immerhin 7 Stunden gab es für Sissi und Broadcaster war das Schweizer Fernsehen.

Der künftige Direktor von Schweizer Radio Fernsehen (SRF), Rudolf Matter, wird den TV-Marathon mit Argwohn verfolgt haben, denn die Sendung war genau so, wie es ihm eigentlich widerstrebt: grosses Kino und Emotionen pur – Boulevard eben. Aber das mag der Herr Super-Direktor nicht so sehr. Ob er bei den Tränen von Moritz Leuenberger und Adolf Ogi weggezappt hat?

Dabei kann Matter stolz auf seine Crew im Tunnel sein. Die Moderatoren zeigten wie die Mineure ein solides Handwerk. Bestnoten gibt es für Oliver Bono, der souverän von Stollen zu Stollen schaltete. Er liess sich als Einziger nicht in ein Übergwändli mit Schutzhelm stecken und das hat gepasst so. Nicht abgefallen ist Sabine Dahinden – trotz einem Hauch zu vieler Banalitäten («Es ist warm hier unten»).

Erfrischend war Urs Gredig, der es offensichtlich genoss, aus dem «Tagesschau»-Korsett ausbrechen zu können («Das Einzige, was nicht gut läuft, ist meine Stimme»). Wie ein aufgeregter Sportreporter nach dem Abpfiff verhielt sich dagegen Gion-Duri Vincenz. Jede stundenlange Liveübertragung hat ihre komischen Momente und für die sorgte Vincenz. Er sah schon weit vor dem Durchstich um 14 Uhr 18 Risse in der Wand, wo keine waren («Da, ein Riss»). Es fehlte einzig, dass er Sissi das Mikrofon hingestreckt hätte.

Interessanterweise monieren jetzt die Kollegen vom Boulevard, dass es zu wenig Boulevard war. Falsch. Es war eine tadellose Inszenierung mit zwei Höhepunkten. Erstens: als die Mauer fiel. Zweitens: als sich Leuenberger/Ogi wie ein frisch verliebtes Paar innig umarmten und abknutschten. Das war so gar nicht typisch schweizerisch. Doch insgesamt war die SF-Livesendung wie der Gotthard-Basistunnel: Swiss Made.