Der Kommentar: Die Sexismusdebatte ist inzwischen auch bei uns gelandet. Den Auslöser dafür lieferte der deutsche FDP-Politiker Rainer Brüderle, 67, mit einer zotigen Äusserung gegenüber der Journalistin Himmelreich, 28. Die einen sind bemüht, den Ball flachzuhalten, bewerten die ganze Angelegenheit als Petitesse, die nun künstlich aufgebauscht werde. Andere hingegen verfechten den Standpunkt, verbale Anmache gehöre an den Pranger und soll öffentlich diskutiert werden.

Welche Position auch vertreten wird, der Vorfall mobilisiert eine längst fällige Diskussion. Dabei geraten verschiedene Kategorien durcheinander, der Unterschied zwischen sexuellem Übergriff und verbalem Sexismus verwischt sich leicht, das zeigen die unzähligen Einträge im Web von Betroffenen.

Der Begriff Sexismus bezieht sich auf einen verbalen Akt der Diskriminierung ohne körperliche Einwirkung. Wenn eine Frau von einer anderen Person ausschliesslich auf ihre primären und sekundären Geschlechtsmerkmale reduziert, begutachtet und kommentiert wird, ist dies eine sexistische Worthandlung und kann als Vorstufe zum körperlichen Übergriff verstanden werden. Der Absender dieser Taxierung masst sich eine Bewertung an, definiert nach seiner speziellen Begutachtungsskala – «Top oder Flop» – und erhebt sich damit in eine Schiedsrichter-Position: Wer über die Definitionsmacht verfügt, hat Macht.

Derartige Vorgänge gehören in das Erfahrungsrepertoire der meisten Frauen, was in der Regel als äusserst unangenehm oder verletzend und kränkend erlebt wird. Da der grösste Teil der Frauen ihre Ich-Identität nicht aus ihrer Körbchengrösse beziehen, sondern sich selbst aus unterschiedlichen Segmenten menschlichen Daseins verstehen, fühlen sie sich durch sexistische Äusserungen in ihrer Würde verletzt. Der Versuch einer Schadensbegrenzung ihrer Gefühlswelt vollzieht sich individuell. Einige holen entweder unverzüglich zum Gegenschlag aus und feuern mit einem Verbalangriff zurück oder überlächeln sich selbst beschwichtigend, indem sie sich einreden, es sei nicht böse gemeint. Andere richten sich nach dem Vorbild ihrer Mütter und Grossmütter und flüchten in eine Duldungsstarre, um die seelische Verletzung zu narkotisieren.

Wahrscheinlich ist den wenigsten Männern bewusst, welchen Schaden sie anrichten. Sie beziehen sich schliesslich auf eine lange Tradition, da es zum guten Ton gehörte, dass der Mann über die Frau bestimmte und sie die Funktionen seiner Bedürfnisskala widerstandslos zu erfüllen hatte. Die abgespeckte Version einstiger Verfügungsgewalt zeigt sich nun in sexistischen Äusserungen, wenn die ahnungslose Reizauslöserin im männlichen Mental-Erotic-Video einbaut ist und sie auch noch mit diesen Fantasien konfrontiert wird.

Trotz Emanzipation beider Geschlechter hat sich die Unart sexistischer Verbalattacken gehalten, mehr noch, selbst Frauen plädieren dafür, dieser nicht zu viel Bedeutung beizumessen, schliesslich sei der Mann «eben mal so» konstruiert.

Dies aber ist ein Irrtum. Die meisten Männer sind intelligente und vernunftbegabte Menschen. Sie vor der Kritik für nicht akzeptables Verhalten zu bewahren, erinnert eher an den Umgang mit Personen, die ein geistiges Defizit aufweisen. Eine derartige Schonhaltung der Männerwelt gegenüber dokumentiert deshalb eine Respektlosigkeit.

Es ist noch nicht lange her, da nahmen nicht wenige Männer für sich in Anspruch, einer Frau als wohlgemeintes Zeichen ihrer Anerkennung einen «Füdlitätsch» zu verpassen. Nachdem diese körperlichen Übergriffe öffentlich thematisiert worden sind, gehören diese Verhaltensweisen eher der Vergangenheit an. Das bedeutet doch, dass der Mensch grundsätzlich lernfähig ist, zumal einige Lerninhalte bereits in der Kindheit angelegt wurden und lediglich wiederbelebt werden müssen. Die meisten Kinder lernen, nicht alles, was einem gefällt, darf angefasst werden; nicht alle Worte, die einem durch den Kopf geistern, dürfen ausgespuckt werden.

So gesehen hat Brüderles Ausrutscher eine Lawine ausgelöst, die dazu geführt hat, den kommunikativen Umgang der Geschlechter nochmals gründlich zu überdenken, sich an der einen oder anderen Stelle vermehrt um Achtsamkeit und Respekt zu bemühen und entsprechende Korrekturen anzubringen.

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