Der Kommentar: Wie viel Service public braucht das Land? Kritiker antworten: Die SRG soll nur das anbieten, was kommerzielle Radio- und TV-Sender nicht anbieten. In den USA gibt es seit je tatsächlich einen solchen Service public. Das Public Broadcasting System (PBS) strahlt weder Shows noch Spiele, weder Serien noch Sport aus, sondern lauter hochstehende Fernsehsendungen, die nicht ins Programm privater Anbieter passen. Folge ist, dass fast niemand zuschaut, der Marktanteil liegt unter zwei Prozent: Service sans public bzw. für eine Handvoll Gebildete in der Oberschicht.

Wer die SRG in ein Mauerblümchen verwandeln möchte, empfiehlt ihr den amerikanischen Weg. Und übersieht, dass gerade die Informationssendungen viel weniger beachtet würden, da sie nicht länger in ein attraktives Programm eingebettet wären. Auf die richtige Mischung des Angebots kommt es nämlich an, weiss jeder Profi. Auch die Unterhaltung zählt dazu, sogar die Bundesverfassung sieht das vor! Ohnehin ist die Eidgenossenschaft bunt und lebenslustig. Will die SRG unser Land abbilden, gehören Buntes und Lebenslustiges ins Programm. Oder doch nicht?

Service public sei bloss «Grundversorgung», ein Minimalangebot genüge, erwidern die Kritiker. Wer Programm und Budget der SRG stutzen würde, erwiese aber vor allem RTL, Sat.1 und Pro7 einen Dienst: Die deutschen Sender, zumal die kommerziellen, würden in der Deutschschweiz zulegen. In der Bundesrepublik, Frankreich und Italien haben ausländische TV-Kanäle (soweit es in der Landessprache welche gibt und sie zu empfangen sind) einen winzigen Marktanteil. In den meisten Kleinstaaten hingegen ist der Marktanteil ausländischer Anbieter gross: erst recht in der Schweiz, deren Landessprachen auch die der Nachbarländer sind.

So hat France 2 für einen einzigen TV-Kanal mehr Geld als die gesamte SRG. Eine Samstagabend-Show bei Berlusconi kostet mehr, als das Fernsehen der italienischen Schweiz (RSI) in einem Jahr für Unterhaltung aufwendet. ARD oder ZDF haben ein Vielfaches der Mittel von SRF, um Sendungen zu produzieren. Und auf eigene Produktionen kommt es ja an, um unverwechselbar zu sein.

TV ist teuer. Beim Deutschschweizer Fernsehen reicht das Geld, um im Durchschnitt einen Marktanteil von knapp 33 Prozent (bei einzelnen Sendungen bis gut 50 Prozent) der Zuschauer zu halten, während die ausländischen Kanäle über 60 Prozent des Schweizer Markts erobert haben. Wer ein SRG-Minimalangebot fordert, will den Marktanteil fremder Anbieter vollends maximieren. Hauptgewinner wären Deutschlands private Sender (die zwar Schweizer Werbefenster haben, aber kaum journalistische Leistungen spezifisch für die Schweiz erbringen).

Könnte da das Herunterfahren des Service public privaten Schweizer TV-Sendern wesentlich bessere Chancen eröffnen? In der Fernsehbranche gilt die Alternative: je weniger Geld, desto weniger Marktanteil. Oder aber: je weniger Geld, desto mehr Boulevard – um mit wenig Geld den Marktanteil zu sichern. In Deutschland setzen sämtliche rein werbefinanzierten, gewinnorientierten Anbieter voll auf Boulevard. Noch konsequenter tut das der kleine Schweizer Sender 3+, der langsam, aber sicher zulegt – eine Erfolgsgeschichte. Doch zeigt sich gerade bei 3+: Da fünf Millionen Deutschschweizer viel weniger Werbeeinnahmen hergeben als achtzig Millionen Deutsche, gilt hierzulande noch ausgeprägter das Gesetz «Je weniger Geld, desto mehr Boulevard». Soll nun aber ausgerechnet Service public zugunsten des Boulevards zurückgefahren werden?

Wer einen Service public bevorzugt, der marginal wäre, faktisch nur die Oberschicht anspräche, den ausländischen Kommerzsendern und dem Boulevard noch üppigere Marktanteile überliesse, der bemüht sich in der Tat, die SRG zu schwächen und schlechtzureden.

Oder anders gesagt: Braucht unser Land ein volksnahes Programm in den vier Landessprachen und mit Qualitätsanspruch, das sich gegen internationale Konkurrenz behaupten kann? Wer die Frage bejaht, wird nach wie vor auf einen starken Service public setzen.

Die externen Kolumnisten und Kommentatoren des «Sonntags» äussern in ihren Beiträgen ihre persönliche Meinung.

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