Der Kanton St. Gallen will die Schulnoten 1 und 2 aus den Zeugnissen streichen.

Der Kommentar:
Es ist gar nicht lange her, da schien das Ende der Schulnoten möglich. Für Bildungsexperten aus allen Landesteilen waren die klassischen Zeugnisse nicht mehr zeitgemäss: «Worte statt Zahlen» lautete das Motto, weil nur die Sprache die Leistung eines Kindes korrekt wiedergeben könne, nicht kalte, erbarmungslose Zahlen. Mit dem Lehrplan 21 sahen dann auch Lehrer – wie beispielsweise in Bern formuliert – «die Zeit gekommen, um grundsätzlich über die Noten zu diskutieren». Das war 2014. Heute ist die Debatte fast erloschen. Der Zeitgeist hat gedreht. Statt Innovation und schulische Entfaltung ohne Druck setzen viele wieder auf Tradition und eindeutigen Leistungsausweis.

Der St. Galler Vorschlag ist deshalb in doppelter Hinsicht bemerkenswert. Er ist innovativ und gleichzeitig typisch schweizerisch. Innovativ, weil ein Kanton den nötigen Reformen zum Lehrplan tatsächlich mit einer Neuerung begegnet und nicht nur mit Scheinanpassungen. Die in vielen Köpfen gottgegebene Skala von 1 bis 6 wird durchbrochen. Ohnehin hat sie seit je einen grundlegenden Fehler: Eine unglaublich schlechte Leistung (1) kann nicht durch eine unglaublich gute (6) aufgefangen werden. Die Note bleibt ungenügend (3,5). Nun wird in die andere Richtung kompensiert. Zwar geht damit der berühmte «Schuss vor den Bug» verloren, den eine 1 mit sich bringt, doch eine 1 war ohnehin nur in den wenigsten Zeugnissen vorhanden. Diesen Schülern muss man nicht zusätzlich das Selbstvertrauen nehmen. Und doch bleibt die Lösung typisch schweizerisch. Zwar werden weiterhin klare Leistungen in Form von Noten verlangt, aber die Dinge sollen dann doch bitte nicht zu hart benannt werden. Lieber ist etwas «nicht so gut» als einfach «schlecht». So halten auch die neuen Noten die alten Werte hoch.

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