Dass das Konzept an die Öffentlichkeit gelang, ist zwar unschön, aber das Leak sorgt immerhin dafür, dass die Debatte nicht mehr nach dem Taktstock der Lobbyisten läuft, sondern alle Fragen auf einmal auf den Tisch kommen. So hat die Indiskretion bewirkt, dass die grossen Stromkonzerne offen ihre prekäre Finanzlage thematisieren. Sie haben erstmals zugegeben, dass unter den jetzigen Marktbedingungen ein profitabler Betrieb von Atomkraftwerken nicht möglich ist. Dieses Eingeständnis ist historisch. Angegraute «Atomkraft? Nein danke»-Aktivistinnen und -Aktivisten müsste das elektrisiert haben.

Was ist los? Billiger Importstrom ist ein Fluch für die Schweizer Stromproduzenten. Sie haben keine Chance gegen Kohlekraftwerke aus Osteuropa -- monströse CO2-Dreckschleudern -- und massiv subventionierte Wind- und Solaranlagen in Deutschland, die den Markt mit Dumping-Strom überschwemmen. Der Preiszerfall ist dramatisch: Heute kostete eine Megawattstunde noch 23 Franken. Schweizer Kraftwerke benötigen 40 bis 50 Franken, um auf ihre Kosten zu kommen. Eine Zeit lang können sie noch durchhalten, doch in wenigen Jahren werden ihre Verluste so gross sein, dass sie in Konkurs gehen.

Spätestens dann wird sich die Schweiz die Frage stellen müssen: Soll unser Land seine Kraftwerke einmotten oder soll es weiterhin industriell Strom produzieren, auch wenn sich das wegen der deutschen Subventionspolitik nicht mehr rechnet? Die Antwort muss lauten: Ja, die Schweiz muss weiterhin Produktionsland bleiben. Wer das infrage stellt, reisst ein tragendes Element der Schweizer Infrastrukturarchitektur nieder. Das kann sich das Land nicht leisten – die Verluste aus der Stromproduktion hingegen schon.

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