Die Nachricht: Am 8. November wählen die USA ihren Präsidenten. Dass es Donald Trump bis in die Endausscheidung geschafft hat, hat auch mit dem amerikanischen Mediensystem zu tun.

Der Kommentar: «Aber wie kann so ein Typ überhaupt nominiert werden?» Es ist die wohl meistgestellte Frage in der Schweiz zur Kandidatur von Donald J. Trump. Ja, der US-Wahlkampf 2016 ist unerhört, unfassbar, schlicht unterirdisch. Klar kratzen sich da gut informierte Zeitgenossen am Kopf: Was zur Hölle ist los in den USA? Höllisch schlecht informierte Wähler, das ist los.

Wer das Phänomen Trump verstehen will, kann einfach im Auto quer durch die Vereinigten Staaten fahren. Trumps Amerika (Einwanderer-Flut, brutale Verbrechen, ein Land ausser Kontrolle) wird man dabei kaum sehen. Hören aber wird man davon jede Menge; seit Jahren schon beherrschen rechtsnationale Meinungsdrechsler die Radiowellen. Es ist diese Para-Realität im «Talk Radio», die den Boden geliefert hat für den Para-Kandidaten Trump. Wer täglich auf der Fahrt zur Arbeit hört, dass die Nation am Abgrund steht, dass man sich Amerika «zurückholen» muss (von wem eigentlich?) und dass der Präsident ein verkappter muslimischer Kommunist ist, für den ist Donald Trump eine logische Wahl. «Der sagt, wie es ist», heisst es oft von seinen Anhängern. Will heissen: Er sagt, wie wir glauben, dass es ist.

Nun hat «Talk Radio» aber nichts mit Journalismus zu tun, ebenso wenig wie die TV-Variante der Feuermäuler bei «Fox News»: Es geht nicht um Fakten oder um Information, es geht um Fans und Ideologie. Und dies notabene links wie rechts: Auf «MSNBC» bekommen die sozialen Antipoden der Trump-Jünger ihre bevorzugte Kost serviert, dann einfach linksgrün mit politisch korrekter Beilage. Amerikanische Wähler haben zusehends nicht einfach nur verschiedene Weltanschauungen, sie leben in verschiedenen Welten. Besonders deutlich wird das online: Da bekommt der konservative Kleinstädter von seinem Facebook-Umfeld vornehmlich das vorgesetzt, was Small Town America als letzten Hort der Sicherheit erscheinen lässt. Das Big City Girl derweil wird mit Inhalten bombardiert, die alle Menschen ausserhalb des urbanen Gürtels als Hinterwäldler darstellen. Angestachelt wird das alles vom allmächtigen Algorithmus. Wer will den Bürgern da verübeln, wenn sie sagen: «Alle denken wie ich»? Klar: Wer aktiv konträre Standpunkte sucht, findet sie innert Sekunden; es liegt jedoch in der Natur des Menschen, sich an Gleichgesinnte zu schmiegen, Widerspruch fühlt sich nun mal nicht gut an.

Durchbrochen wird diese Meinungs-Blase einzig von Medien, die der freien Meinungsbildung verpflichtet sind. Das scheint dem Schweizer vielleicht selbstverständlich, haben wir doch eine Medienlandschaft, die als Forum der Gesellschaft dient, geprägt von der Publikumspresse und einem starken Service public der SRG. Auch im Medienland USA gibt es solche Foren, auch in TV und Radio, sogar von überragender Qualität. Doch genau das ist das Problem: Das Programm kommt elitär daher. Das öffentliche Fernsehen PBS etwa hat mit der «Newshour» eine tägliche Nachrichtensendung im Programm, die in Sachen Kompetenz und Analyse konkurrenzlos ist. Ebenso das Radio NPR, wo der vielleicht beste Audio-Journalismus der Welt gemacht wird. Der Service public à l’américaine ist jedoch konsequent auf Klasse statt auf Masse ausgerichtet. Anders als in der Schweiz wuchsen die öffentlichen Medien in den USA nämlich nicht aus der Mitte der Gesellschaft heraus, sondern von oben her, an den Universitäten. Zudem zahlen nicht alle Mitbürger ein bisschen für den Service, sondern ein paar wenige Interessierte spenden fast alle Mittel (Fundraising rules). Die Folge: Informiert werden in den News-Shows vor allem jene, die sich bereits auskennen. Im begleitenden Programm sind Popkultur, Gameshows und Sport rar. Ohne diese Einbettung sendet der beste Journalismus an einem Grossteil der Gesellschaft vorbei; Joe Sixpack hört und sieht nix davon.

Frappant: Der mediale Service public in den USA tut genau das, was SRG-Gegner in der Schweiz momentan als Zukunftsvision herumbieten: Er leistet nur das, was Private nicht leisten können. Oder wollen.

Das erschreckende Resultat ist, im derzeitigen Wahlkampf in Echtzeit zu beobachten, verheerend für die Demokratie. Wenn statt dem Marktplatz der Ideen die Echo-Kammer der eigenen Weltsicht die Diskussion dominiert, dann wird es schwierig, soziale Schnittmengen auszumachen. Alles wird relativ, insbesondere Fakten: Über die Hälfte von Donald Trumps Aussagen im Wahlkampf sind nachweislich falsch. Dass er damit durchkommt, liegt wesentlich am zerstückelten Mediensystem der USA. Wie so ein Typ überhaupt nominiert werden kann? Schuld an Trump sind Trumps Trompeter.

Egal wie die Wahlen ausgehen: Das Problem bleibt akut in den USA. Seien wir froh, dass wir in der Schweiz noch miteinander reden – auch dank gutem und bürgernahem Journalismus. Denn eine Nation, in der alle aneinander vorbeireden, droht in politischer Kakofonie zu versinken. God bless America.

* Arthur Honegger ist Moderator der SRF-Nachrichtensendung «10 vor 10» und ehemaliger USA-Korrespondent.

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