Der Kommentar: Im Bistum Chur besteht der Verdacht, dass ein Kirchenmann eine Frau sexuell belästigt hat. Nach den jüngsten Vorfällen in Deutschland und Irland kommt die katholische Kirche so auch hierzulande negativ in die Schlagzeilen. Man kann die beiden Fälle zwar kaum vergleichen, die schrecklichen Verbrechen in Deutschland wurden an Dutzenden Kindern begangen und jahrelang totgeschwiegen. In Chur geht es, soweit bekannt, um einen Einzelfall. Und doch zeigt sich, dass in der Schweiz Teile der katholischen Kirche ernsthaft bemüht sind, den Umgang mit Missbrauchsfällen zu verbessern.

So wurden in den letzten zehn Jahren in allen Bistümern Fachgremien eingesetzt, die sich mit sexuellen Übergriffen in der Kirche befassen. Die Fachgremien sind besetzt mit katholischen Würdenträgern, aber auch mit kirchenunabhängigen Psychologen und Juristen. Das verleiht den Gremien Unabhängigkeit und die nötige Glaubwürdigkeit gegenüber den Opfern. Die haben nun eine Anlaufstelle, bei der sie darauf vertrauen können, dass sie selbst und nicht der gute Ruf der Kirche an erster Stelle stehen – und dass zumindest die weltlichen Vertreter in den Gremien kein Interesse daran haben, den Fall hinter den Kirchenmauern zu vertuschen.

Diese Fachgremien sind ein Schritt in die richtige Richtung. Und doch bekämpfen sie nur die Symptome und nicht die Ursache des Übels. Prävention und die Enttabuisierung der Sexualität in der katholischen Kirche sind unabdingbar. Die Initiative dazu muss aus Rom kommen – doch dort gibt es leider nur wenig Zeichen dafür, dass in der herrschenden Altherrengarde ein Umdenken stattgefunden hat. Der Papst verurteilt Missbrauchsfälle zwar, schuld sind aber immer die anderen. Auch hält Benedikt XVI. trotzig daran fest, dass Kindsmissbrauch ausschliesslich durch die Glaubenskongregation untersucht werden darf. Diese Politik der Verschlossenheit schürt Misstrauen. Mehr noch, sie behindert die Bemühungen derer, die sich ernsthaft dafür einsetzen, dass Sexualstraftäter in der Kirche keinen Platz finden. Vertrauen kann nur wachsen, wo mit offenen Karten gespielt wird. Das sollte der Papst endlich erkennen.