Der Kommentar: Die SBB sind eines der letzten identitätsstiftenden Symbole der Schweiz, und der Goodwill der Bevölkerung ist ihr Kapital: 2 Milliarden Franken fliessen von den Steuerzahlern zu den Bundesbahnen – Jahr für Jahr. Weil wir unsere Bahn so lieben, bewilligen wir in Abstimmungen jeden Fonds, jedes Projekt, jeden Ausbau. Bis jetzt.

Zurzeit aber wird der Goodwill arg strapaziert. An die jährlichen Preiserhöhungen will man sich einfach nicht gewöhnen. Um satte 10 Prozent hat die Bahn im Durchschnitt innerhalb von zwei Jahren aufgeschlagen, und das in Zeiten, wo Lohnerhöhungen Seltenheitswert haben. Die Kunden präsentieren den SBB nun die Rechnung: Erstmals seit Einführung der Bahn 2000 ist die Zahl der gefahrenen Personenkilometer zurückgegangen. Im letzten Jahr gab es – vor allem im Freizeitverkehr – einst treue Bahnfahrer, die aufs Auto umgestiegen sind. Das ist gewiss nicht im Sinn der helvetischen Verkehrs- und Umweltpolitik.

Der Goodwill schwindet weiter, wenn für die höheren Preise ein schlechterer Service geboten wird. Zum Beispiel wenn die Verspätungen zunehmen und das Sicherheitsgefühl abnimmt. Die beispiellose Unfallserie – sechs Entgleisungen seit Anfang Februar – lässt sich nicht einfach als «Pechsträhne» abtun. Das greift zu kurz. Zumal es auch im ganzen Jahr 2012 zu mehr Zwischenfällen kam.

Es wäre verfehlt, auf Panik zu machen. Bahnfahren bleibt hierzulande sicher. Aber die Kunden erwarten von den SBB Erklärungen für die Häufung von Unfällen, Pannen und Verspätungen – und Massnahmen. Spätestens morgen, wenn die Sicherheitsverantwortlichen vor die Medien treten.

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