Der Kommentar: Es ist eine Tatsache, dass einige Kunden der Schweizer Banken vor allem die Anlage unversteuerter Gelder im Sinn hatten. Hier zeigt sich, dass in Hinblick auf die Sicherheit die Banken ihr Versprechen nicht eingelöst haben. Stellte sich 2008 heraus, dass sie zu anfällig für Finanzmarktkrisen waren, zeigte sich spätestens 2011, dass sie bei der Annahme internationaler Kunden Risiken eingingen, deren Grösse sie unterschätzt haben.

Die prekäre Situation der Banken wird andauern, solange es keine politische Gesamtlösung gibt. Jahrelang war die Schweizer Lesart: Banking bzw. Banken first. Die Politik hat lediglich dafür zu sorgen, dass die Rahmenbedingungen stimmen. Alles andere macht der Markt. Die Schieflage der UBS und der Untergang von Wegelin haben gezeigt, dass das ein Fehlschluss war. Das Bankgeschäft beruht auf Werten und nicht nur auf Zahlen. Wenn die Werte der Unternehmen nicht in Übereinstimmung mit denen der Gesellschaft sind, braucht es ein Korrektiv. Und das ist es, was wir gerade erleben: Die Schweizer Gesellschaft – Politik, Wirtschaft und breite Öffentlichkeit – diskutiert darüber, wie Wirtschaft zu machen ist, wie riskant Unternehmen am Markt arbeiten dürfen, wann die Allgemeinheit sie stützen muss und ob man (zu hohe) Erträge auf Kosten anderer einfahren darf.

Wir brauchen die Weissgeldstrategie – zu den Wertvorstellungen der Gesellschaft gehört es, nicht systematisch von Steuersündern anderer Länder profitieren zu wollen. Kurzfristig sind der Streit mit den USA zu lösen und die Abgeltungssteuer mit Deutschland und Grossbritannien durchzusetzen. Längerfristig geht es darum, im Einklang mit den internationalen Steuerstandards zu geschäften. Wer als Finanzplatz in einem globalen Wettbewerb mitmischen will, muss global denken. Indisches Schwarzgeld gehört ebenso auf die Verbotsliste wie amerikanisches. Deswegen sollte auch eine Diskussion über den automatischen Informationsaustausch, wie er in der EU Standard ist, kein Tabu sein.

Vor der inländischen Dimension der Steuerdiskussion sollten wir keine Scheu haben. In der Schweiz ist das Vertrauensverhältnis zwischen Bürger und Staat besser als in den meisten anderen Ländern. Die finanzielle Privatsphäre ist weiterhin uneingeschränkt zu respektieren. Im Umkehrschluss entspricht es durchaus den Wertvorstellungen der meisten Bürger, wenn man schwerwiegende Steuerhinterziehung strenger beurteilt.

Neben der Steuer-Diskussion sind von den Banken zwei Aufgaben zu lösen. Erstens: Es gibt einen Vertrauensverlust in Politik und in Bevölkerung, der wettgemacht werden muss. Die Banken müssen wieder Verständnis aufbauen für eine stimmige Selbstregulierung, die sowohl der Schweizer Volkswirtschaft als auch den einzelnen Finanzunternehmen mit ihren spezifischen Märkten und Risiken gerecht wird. Zweitens: Fundamentale Umwälzungen finden auf der strategischen Ebene statt. Sparten werden redimensioniert, Geschäftsbereiche gestutzt, vor allem kleinere Banken sehen ihre unabhängige Existenz infrage gestellt.

Auf der Suche nach neuen Ertragsquellen verlieren alte Einteilungen ihre Gültigkeit. Grossbanken suchen nach sicheren Erträgen und finden das Retailgeschäft wieder begehrenswert. Umgekehrt kann man schon seit Jahren die Kantonal- und Regionalbanken dabei beobachten, wie sie sukzessive das Geschäft mit vermögenden Kunden aufbauen.

Bei der zweiten Aufgabe hilft es, sich auch die Wert-Frage zu stellen. Wer Geld zu einer Bank bringt, bringt Vertrauen mit. Er möchte wissen, was mit seinem Geld passiert und wofür die Bank steht. Wer hier plausible Antworten hat, ist im Vorteil. Zusätzlich zu einem sicheren Retailgeschäft und dem Geschäft mit deklarierten Vermögen sehe ich Chancen im Asset Management, da immer mehr Staaten Rentensysteme nach dem Vorbild unserer zweiten Säule entwickeln. Die Schweizer Bankiervereinigung spricht für die Bankbranche von einem zusätzlichen Ertragspotenzial von 4,8 Milliarden Franken bis 2015. Zwar ist es jetzt an der Politik, schnell eine pragmatische und international verständliche Lösung im Steuerstreit vorzulegen. Doch die Verantwortung über die langfristige Entwicklung des Bankenplatzes liegt bei den Banken selbst. Sie müssen die Diskussion um unternehmerische Identität und Eigenverantwortung weiterführen und gemeinsam mit der Politik ausloten, was für unser Land und seinen Finanzplatz nachhaltig das Beste ist.

Die externen Kolumnisten und Kommentatoren des «Sonntags» äussern in ihren Beiträgen ihre persönliche Meinung.

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