Es waren einige idealistisch gesinnte Mitglieder der Schweizerischen Lebensrettungsgesellschaft, welche die Rega 1952 als Privatorganisation gegründet haben. 1979 wurde der Verein in eine private Stiftung überführt, die heute durch Gönnerbeiträge von jährlich fast 80 Millionen Franken getragen wird. Auch ich gehöre zu diesen Gönnern, obwohl ich weiss, dass mich wie alle andern Einwohner die Rega ohnehin retten würde – nämlich auf Kosten meiner Unfallversicherung.

Heute ist die Rega mit etwa einem Dutzend Basen, 17 Helikoptern und drei Ambulanzjets, mit über 300 Voll- und Teilzeitbeschäftigten und einem Umsatz von fast 150 Millionen Franken eine stattliche Firma. Dennoch bleibt sie ein Hilfswerk, das sich entsprechend zertifizieren liess und sogar von der Mehrwertsteuer befreit werden soll. Man weiss, dass die Rega die Piloten sehr anständig, die Ärzte eher bescheiden bezahlt. Jetzt wurde aber bekannt, dass sich der als Elektriker ausgebildete Ernst Kohler als Rega-Geschäftsführer mit einer halben Million Franken Lohn bedient. Auch die Rega-Stiftungsräte greifen seit einigen Jahren recht unbescheiden in die Kasse: Fast wie ein ertappter Dieb kürzt nun Rega-Präsident Ulrich Graf sein Honorar von jährlich 90 000 auf 15 000 Franken. Dabei hat Graf als 32-facher Verwaltungsrat im letzten Jahr etwa drei Millionen Franken verdient.

Mit einem solch schamlosen Lohn zerstört der Rega-Präsident viel öffentlichen Goodwill und sollte für die Wiederherstellung der Glaubwürdigkeit zurücktreten. Wenn CEO Ernst Kohler nicht ebenso handelt, muss er seine Bezüge sofort halbieren. Sonst betreibt die gemeinnützige Organisation Abzockerei und Selbstbedienung in Reinkultur. Dabei macht es keinerlei Sinn, jetzt im Zusammenhang mit den Missständen bei der Rettungsflugwacht die bevorstehende 1:12-Initiative anzupreisen. Denn es ist vollkommen daneben, die Rega mit einem Unternehmen im freien Wettbewerb zu vergleichen. Gerade weil sie als wohltätige Organisation auftrat, konnte die Rega ein Vermögen von einer Viertelmilliarde zusammenraffen. Und weil die Rega mit einer faktischen Monopolstellung in unserem stark regulierten Gesundheitswesen agiert, ist sie keineswegs mit einer privaten Firma gleichzustellen.

Dass jetzt Stiftungsrat Franz Steinegger die Lohnpolitik der Rega verteidigt, passt für mich ins traurige Bild. Ohne Steinegger zu nahe zu treten, möchte ich doch daran erinnern, dass der staatsnahe Urner Anwalt nicht dafür bekannt ist, seine Mandate gratis zu offerieren. Ob Suva, Rega oder Tourismusverband: Steinegger gehörte immer zu den Profiteuren, und bei der milliardenteuren Expo.01 wurde er mit einer glatten Million abgefunden.

Für mich stellt sich nach den Rega-Enthüllungen die Frage, ob es in unserem Land noch andere heilige Kühe gibt, die es geschickt verstehen, sich der öffentlichen Kritik zu entziehen. Spontan kommt mir ein Bankinstitut in den Sinn, dessen Chef sich gerne mit dem Helikopter fortbewegt. Die Raiffeisen-Bank hat hierzulande schon fast den Ruf einer gemeinnützigen Organisation. Sie gilt als Genossenschaft der kleinen Leute, als positives Gegenteil der angeblich bösen, gewinnorientierten und globalisierten Geschäftsbanken. Dabei wird diese Genossenschaft autoritärer, zentralistischer, personenbezogener und risikoreicher geführt als viele andere Banken. Auch hier bezieht die Geschäftsleitung über drei Millionen Franken pro Jahr.

Als Raiffeisen-CEO Pierin Vincenz ankündigte, er werde eine zweimonatige Auszeit antreten, jubelten unsere sonst so kritischen Medien einstimmig wie ein Engelchor. Ich weiss nicht, welche normalen Manager oder gar Angestellten mal nach eigenem Gutdünken acht Wochen Asienferien feiern. Zum Vorbild sollte Pierin Vincenz in unserer Wirtschaftswelt jedenfalls nicht werden, auch wenn manche Zeitungen das Gegenteil behaupten. Denn solch freudige Töne kannten wir auch bei der Rega – bis unmittelbar vor der öffentlichen Demontage.

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