Präsident Obama spielte auf seiner Klaviatur zuweilen fast schon ein Requiem. Wo war das Feuer? Die Angriffslust, die Passion, der Wille zum Sieg? Oft schien der Präsident träge, gelangweilt und ausgepowert, liess Romney gewähren. Selbst wenn der Republikaner grobe Anschuldigungen platzierte, nickte Obama nur, oder lächelte gequält. Romney hingegen fiel immer noch etwas ein, um Obamas Argumente zu parieren. Damit hatten Obamas Wahlkampfberater nicht gerechnet. Sie wurden überrumpelt.

Romney der Leader
War der Präsident zu wenig gut vorbereitet? Nahm er die Sache aufgrund des bisherigen Vorsprungs in den Wahlprognosen zu nonchalant? Oder zehren die vier Amtsjahre und nun der lange Wahlkampf an ihm? Es schien, als wolle Obama die ganze Sache einfach nur möglichst schnell abspulen. Und dabei nahm er den bisher zaudernden Romney zu wenig ernst. Dieser lieferte nicht einfach nur billige Politfloskeln, sondern argumentierte mit innerem Feuer, Gehalt und perfekter Rhetorik. Er strahlte das aus, was viele Amerikaner bisher in ihm nicht sahen: Leadership.

Nicht alles an Romneys Auftritt war perfekt. Mehrere Aussagen waren falsch. Mit der Zeit wiederholte er sich zu oft. Sein Pochen aufs letzte Wort nervte mit zunehmender Dauer. Und wie er seine grossspurigen Ankündigungen für mehr Wachstum und mehr Jobs realisieren will, blieben wie schon im Wahlkampf im Detail unerläutert. Aber Mitt Romney hatte die Ärmel von Anfang an hochgekrempelt, während Obama versuchte, staatsmännisch und unantastbar zu wirken, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. Das war an diesem Abend die falsche Taktik. Denn auch wenn Romney seine Argumente gut verkaufte – sie waren angreifbar.

Schlechter Schluss von Obama
Natürlich wurde das Defizit seit Obamas Amtsantritt grösser. Doch mit Staatsgeldern verhinderte der Präsident das Abdriften in eine noch grössere Rezession. Mit Staatsgeldern rettete er die Autoindustrie in Detroit, die mittlerweile wieder boomt und Stellen schafft. Mit Staatsgeldern rettete er die Banken der Wall Street. Obama hätte viele Asse im Ärmel gehabt, doch er spielte sie nicht. Und wenn, dann nur halbherzig. Sogar am Schluss patzte Obama: Anstatt sein Schlussplädoyer an die Zuschauerinnen und Zuschauer zu Hause vor dem Fernseher zu adressieren, blickte er die meiste Zeit nur dem Moderator in die Augen.

Romney hat mit seinem starken Auftritt viele Unentschlossene auf seine Seite gezogen und dürfte in den nächsten Umfragen einen grossen Sprung nach vorne machen. Ob der ältere Joe Biden gegen den aufmüpfigen, jungen Paul Ryan in der kommenden Vizepräsidentschaftsdebatte nächste Woche am Donnerstag bereits die Wende schafft, ist fraglich. Es liegt also am angezählten Obama. Hebt er den Fehdehandschuh mit Verspätung auf und schlägt zurück? Wann attackiert er Romney für die 47-Prozent-Aussage? Für Romneys kritische Bilanz bei Bain Capital? Für seine verschleierten Steuererklärungen? Fakt ist: Gegen diesen neuen Romney muss sich sein Wahlkampfteam sehr schnell etwas einfallen lassen.

Fact Check von Obamas und Romneys Aussagen
http://news.yahoo.com/fact-check-presidential-debate-missteps-015421565.html