Der Kommentar: Präparate wie Ritalin können bei ADHS helfen, sich im Leben zurechtzufinden. Doch angesichts der jährlich steigenden Zahl von Ritalin-Verschreibungen stellt sich die Frage: Kann es sein, dass immer mehr Schweizer hyperaktiv sind? Oder herrscht bei der Verschreibungspraxis schlicht Wildwuchs?

Klar ist: Ritalin und Co. sind keine harmlosen Medikamente. Bekannt geworden sind «unerwünschte Nebenwirkungen» wie Herzrhythmusstörungen, Schlaganfälle und Psychosen. Die europäische Arzneimittelbehörde hat reagiert und verfügt, dass die ADHS-Behandlung unter Aufsicht eines Spezialisten erfolgen muss. In der Schweiz dagegen herrscht «Therapiefreiheit»: Jeder Arzt darf Ritalin verschreiben.

Das kann nicht sein. Das Risiko von Fehlbehandlungen ist zu gross. Umso mehr, als die ADHS-Diagnose laut Ärzten komplex ist. Es braucht neue Behandlungsstandards – mit der Garantie, dass auch in der Schweiz nur Spezialärzte eine Ritalin-Behandlung anordnen dürfen. Mit der Überweisung vom Hausarzt zum Spezialisten ist auch sichergestellt, dass eine Zweitmeinung vorliegt. Vorschrift muss zudem sein, dass die Medikamente bei Langzeitbehandlungen periodisch abgesetzt werden, um zu überprüfen, ob die Behandlung fortgesetzt werden muss.

Aber auch die Kompetenzenregelung zwischen Swissmedic und dem Bundesamt für Gesundheit muss geklärt werden: Beim boomenden Konsum von Psychopillen geht es nicht nur um die medizinische Zulassung von Medikamenten – tangiert sind auch gesundheitspolitische Fragen. Es muss klar sein, wie die Verantwortlichkeiten der beiden Gesundheitsbehörden geregelt sind. Darüber hinaus ist das Konstrukt Swissmedic grundsätzlich zu überprüfen. Denn selbst wenn der Bund die Zulassung von Ritalin einschränken will – gegenüber dem «unabhängigen» Heilmittelinstitut Swissmedic hat er keinerlei Weisungsbefugnis. So lange wird Ritalin weiter ein Mode-Medikament sein.