Der Kommentar: Wie zwei Pfauen verhalten sich derzeit die Kantone Bern und Jura. Sie schlagen das Rad und zeigen sich dem Berner Jura von ihrer besten Seite. Zum Auftakt einer längeren Entscheidungskaskade entscheiden nämlich die dortigen Stimmberechtigten, ob der Berner Jura im Kanton Bern verbleiben oder ob ein neuer, gemeinsamer Kanton Jura gebildet werden soll. Wie kaum eine zweite Abstimmung in unserem Land wurde der Ablauf des demokratischen Entscheids mit Akribie ausdiskutiert. Denn in Erinnerung sind die 1960er-Jahre bis Mitte der 1990er-Jahre. Vergiftet wurde damals das Klima durch Unregelmässigkeiten bei Urnengängen, Anschläge und Übergriffe aller Art. In der Bevölkerung kam es zu grösseren Spannungen.

Die Politik hat entsprechend Gegensteuer gegeben. Auf Bitten beider Kantone etwa lässt der Bund die Abstimmung durch neutrale Beobachter überwachen. In einem Verhaltenskodex versprachen beide Seiten, kein Steuergeld im Abstimmungskampf einzusetzen. Jurassier, Autonomisten und Berntreue wollen sich einen fairen Abstimmungskampf liefern und verpflichten sich, die Aktivitäten der anderen Parteien und Bewegungen nicht zu stören und die körperliche Integrität aller Personen zu wahren.

Neben der demokratiepolitischen Herausforderung dreht die Debatte bislang um regionale Aspekte, warum der Verbleib resp. der Kantonswechsel vorteilhaft für die Bevölkerung des Berner Jura sei. Die nationale Dimension des Urnenganges ist jedoch bedeutsam und wird weitherum unterschätzt. Der Ausgang der Abstimmung könnte nämlich durchaus Auswirkungen auf die Willensnation Schweiz haben. Denn ohne Berner Jura verlöre der Kanton Bern über kurz oder lang sein Selbstverständnis als zweisprachiger Kanton und damit seine Brückenfunktion zwischen den Landeskulturen, ohne dass ein Ersatz für diese Klammer bereitstünde.

Unserem Land fehlt das herkömmliche verbindende Zusammengehörigkeits- und Identitätsgefühl wie die gemeinsame Sprache, Kultur oder Religion. An dessen Stelle steht ein gemeinsames Bekenntnis zu unserem Land. Die Schweiz lebt auch davon, dass sich die Minderheiten vertreten fühlen und dass sie bei den Mehrheiten auf offene Türen stossen. Der Föderalismus und damit das Zulassen von Unterschieden auf kantonaler und kommunaler Ebene ist ein Zaubermittel, das den nötigen Kitt bietet. Unser Land ist auf Botschafter angewiesen, die diesen Kitt in die Meinungsfindung einbringen.

Den fünf lateinischen Kantonen (GE, VD, NE, JU und TI) stehen 17 deutschsprachige gegenüber. Drei Kantone sind zweisprachig (BE, FR, VS), Graubünden sogar dreisprachig. Der Kanton Bern nimmt heute einen wesentlichen Teil des verbindenden Elements zwischen den Sprachregionen wahr. Auch deswegen wurde Bern zur Bundesstadt erkoren. Bern ist Arbeits- und Wohnort für viele Lateiner. Das Französische verliert sich aber in kleinen Schritten: Zwischen Zürich und Lausanne kommuniziert man immer öfter auf Englisch. Früher galt in der Schule, als erste Fremdsprache eine zweite Landessprache zu lernen. Die lateinische Schweiz hält sich noch unisono daran. 14 deutschsprachige Kantone haben leider das Englische als erste Fremdsprache ausgewählt. Von den rein deutschsprachigen Kantonen widmen sich nur noch Solothurn und die beiden Basel zuerst der französischen Sprache. Für die Kohäsion des Landes ist diese Entwicklung besorgniserregend.

Ohne Berner Jura käme der «reflexe francophone» im Kanton Bern unter Druck. Das Französische würde dereinst als Amtssprache abgesetzt. Damit wäre das bernische Selbstverständnis, als Brückenkanton zwischen den Kulturen zu dienen, in Gefahr. Das bliebe nicht ohne Folgen fürs ganze Land. Denn wer sähe sich noch legitimiert, fortan zwischen den Sprachgrenzen zu kitten?

Die Vielfalt des Kantons Bern mit seiner Zweisprachigkeit ist eine Stärke des ganzen Landes. Bern soll auf nationaler Ebene für Allianzen im Sinn fürs Ganze sorgen. Im Interesse der Schweiz ist darum ein Verbleib des Berner Juras beim Kanton Bern. Denn Letzterer ist ein Abbild der Schweiz mit ihrer Mehrsprachigkeit. Die Sprachenvielfalt darf nicht bloss noch im Bundeshaus gelebt werden. Denn Bern ist für viele Romands die Pforte zur deutschen Schweiz.

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