Das war nicht immer so. Historisch war die Schweiz entlang der Konfessionsgrenzen tief gespalten. Katholisch-Konservative und Liberale bekriegten sich noch im 19. Jahrhundert. Gesellschaftliche Gräben traten auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts zutage. Nach dem Ersten Weltkrieg standen sich die linke Arbeiterschaft und das Bürgertum feindlich gegenüber: Der Generalstreik 1918 und der Armeeeinsatz im Innern zeigten die Zerrissenheit des Landes. Doch immer wieder gelang die Integration: Man schloss Kompromisse, band Minderheiten ein – auch in den Bundesrat.

Die letzte grosse Spaltungs-Debatte folgte auf das Nein zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) 1992. Die Romandie war von der Deutschschweiz überstimmt worden. Der «Röstigraben» zeigt sich zwar bisweilen auch heute bei Abstimmungen, doch die beiden Landesteile stehen sich inzwischen näher als in den 90er-Jahren. Dafür wird ein anderer Graben immer tiefer: jener zwischen Stadt und Land. Er wurde letzten Sonntag bei den Wahlen wieder sichtbar. Mit St. Gallen verloren die Bürgerlichen die letzte grössere Stadt an die Linken, in Basel verteidigten die Rot-Grünen ihre Mehrheit locker, in Bern holten sie satte 62 Prozent der Stimmen. Im eher ländlichen Kanton Aargau dagegen hängte eine SVP-Politikerin ihre Konkurrentinnen von der SP und aus der Mitte mühelos ab und wurde in die Regierung gewählt.

Die Städte rutschen nach links, das Land und die Agglomerationen nach rechts. Interessant ist, dass die Städte von den bürgerlichen Mehrheiten in Bund und Kantonen profitieren: Nur dank den wirtschaftsfreundlichen Rahmenbedingungen, die diese meist gegen den Widerstand der SP durchgesetzt haben, blüht die Wirtschaft in den Städten und sprudeln die Steuereinnahmen, mit denen die Stadtregierungen ihre kostspieligen Visionen in Verkehr, Wohnungsbau und Sozialpolitik finanzieren können.

Wird der Stadt-Land-Graben zum Problem? Erste Anzeichen gibt es: Berggebiete fühlen sich ihres Wachstums beraubt, weil Städte und Agglomerationen der Zweitwohnungsinitiative zugestimmt haben. Die Städte wiederum sehen sich vom Land eingeschränkt, weil dieses die Masseneinwanderungsinitiative angenommen hat. Wichtige Weichenstellungen auf nationaler Ebene – in der Energie-, Ausländer- und Europapolitik – werden sich entlang der Bruchlinie Stadt/ Land entscheiden. Wichtig ist, dass das gegenseitige Verständnis erhalten bleibt, dass man die eigene Blase auch mal verlässt. Solange das der Fall ist, ist der gesellschaftliche Zusammenhalt nicht wirklich in Gefahr.

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