Der Kommentar: Im Steigerungslauf von Moody’s und Co. landet ein Land nach dem anderen auf dem Ramschtisch. Recht so, das Leben besteht nicht nur aus Ouzo, Fandango und Guinness – sagen viele. Wer aber die dilettantische Rolle der Ratingagenturen in der Finanzkrise nicht vergessen hat, kann sich über die Selbstsicherheit und moralische Nonchalance nur wundern, mit der diese weiter als Brandbeschleuniger auftreten.

Das nun auch mit «Ramsch» prämierte Irland ist die finanzpolitische Erfolgsgeschichte schlechthin. Es hatte seine Verschuldungsquote in zwei Jahrzehnten von 120% auf 25% reduziert. Dann kam 2007 die Finanzkrise, riss riesige Löcher in die Staatsfinanzen – natürlich zur Rettung der Banken – und liess die Verschuldungsquote in kurzer Zeit wieder auf 94% hochschnellen. Nun hat zwar kein Land eindrücklicher als Irland die Fähigkeit demonstriert, aus dem Ruder gelaufene Schulden wieder abzubauen. Aber das hat in der Arithmetik der Ratinggiganten keinen Platz.

Das von solchen Beobachtungen genährte Gefühl, Ratingagenturen würden nicht alle Staaten mit dem gleichen Mass messen und behandelten insbesondere Portugal, Irland, Griechenland und Spanien besonders harsch, lässt sich auch wissenschaftlich erhärten: Keine objektiven Determinanten der Bonität eines Landes rechtfertigen die nach 2007 einsetzende sukzessive Herabstufung dieser Länder. Das ist deshalb ein Problem, weil jede Rating-Herabstufung die damit attestierte verschlechterte Bonität selbst schafft.

Wie das funktioniert? Wird Deutschland, im Moment ein AAA-Musterknabe, auf BBB degradiert, erhält es Kredite nur noch zu Zinssätzen von 10% statt bisher 3%. Die jährlichen Zinszahlungen auf Staatsschulden steigen auf fast 200 Milliarden Euro. Dies erhöht das Staatsdefizit auf 300 Milliarden und treibt die Defizitquote weit in den zweistelligen Bereich.

Jetzt müssen, alles andere wäre unehrlich, Bundesanleihen auf «Ramsch» herabgestuft werden. Deutschland zahlt dann für neue Kredite 20%. Das Staatsdefizit steigt auf 30% und die Verschuldungsquote überschreitet 300%. Auch der Verkauf des Brandenburger Tors nach Arizona und der deutschen Fussballnationalmannschaft nach Katar stopft das Loch nicht mehr. Merkel führt die Ostmark wieder ein und die Rest-EU flüchtet in den EWR. Die Ratingagenturen hatten es prophezeit.

Dieser Mechanismus gewinnt Brisanz, weil Ratingagenturen hier Wissen vorgaukeln, das sie nicht haben können, weil der Markt auf jede neue Ratingnuance ohne Hinterfragen der Sinnhaftigkeit reagiert, und auch wegen der personellen und finanziellen Verbandelung zwischen Agenturen und den VIPs der Finanzbranche.

Was kann man tun? Man muss das Monopol der grossen Drei brechen und für Wettbewerb sorgen. Man muss Agenturen zu Transparenz und Rechenschaft zwingen. Ratings müssen sich aus der vorgängigen Situation begründen, nicht aus dem, was sie anrichten. Es ist für Unabhängigkeit der Ratingagenturen von Finanzwelt (und Politik) zu sorgen. Und selbstverständlich muss die Politik Vorgaben hinterfragen, mit denen sie Banken zwingt, auch auf angezweifelte Ratings zu reagieren.

All das wird aber nicht reichen – weil Ratingagenturen nur Teil des Problems sind. Auf den Finanzmärkten wedelt schon lange der Schwanz mit dem Hund. Sicher: Banken dienen einem wichtigen Zweck. Sie lenken Kapital dorthin, wo es besonders produktiv ist. Aber darum geht es vielen der Branche nicht mehr. Ist es effizienzsteigernd, faule Äpfel mit Geschick in einem Korb guter zu verstecken, in der Hoffnung, Käufer würden das nicht merken?

Genau das versuchen aber viele der von den klügsten Köpfen kreierten Finanzinstrumente. Es geht nicht mehr darum, Investitionen zu optimieren. Man will anderen ihr Vermögen abluchsen. Die Notwendigkeit der Beschneidung dieses Wildwuchses, der Zurückführung des Finanzsektors auf seinen honorigen Kern, ist die Lehre aus der globalen Finanzkrise. Doch die Politik bleibt hier in der Schuld. Wenn nicht bald Einschneidendes passiert, wird die Krisenstafette auf den Finanzmärkten so schnell kein Ende nehmen.

Die externen Kolumnisten und Kommentatoren des «Sonntags» äussern in ihren Beiträgen ihre persönliche Meinung.

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