Jungspund Roth und Profiprovokateur Mörgeli sind Diplomaten im Vergleich zum Präsidenten der staatstragenden Freisinnig-Demokratischen Partei. Philipp Müller sagte vor einer FDP-Ortspartei über einen «Abzocker-Manager», der 7,2 Millionen Franken kassierte: «Ein Arschloch bleibt ein Arschloch.»

Ist das bloss ein Lapsus? Oder eine Skandalaussage, welche die Tauglichkeit von Philipp Müller für das Amt des FDP-Parteichefs infrage stellt?

Klar ist: Wäre einem Parteichef in Deutschland das A-Wort über die Lippen gekommen, sähe er sich nun mit Rücktrittsforderungen konfrontiert. Aber wir sind in der Schweiz, wo hemdsärmliger politisiert wird. Und wir haben es mit Philipp Müller zu tun, der angetreten ist, die FDP vom Bahnhofstrassen-Image zu befreien und die «intellektuelle Flughöhe» zu senken.

Deshalb weiss man bei Philipp Müller nicht so recht, ob ihm das Wort wirklich nur herausgerutscht ist – oder ob er es gezielt platziert hat, um Schlagzeilen zu produzieren. Denn er sagte mir gestern am Telefon: «Das Beste wäre, wenn einer dieser schamlosen Manager nun meinen Rücktritt fordern würde. Dann wäre den Leuten vielleicht klar, auf welcher Seite meine Partei und ich selber stehen.»

Diese Aussage macht deutlich, wie verzweifelt der FDP-Chef ist. Es will auch ihm, dem gelernten Gipser, einfach nicht gelingen, die Partei vom Geruch des Finanzplatzes und der Manager zu befreien. «Spielen Sie mal ein paar Tage FDP-Präsident und gehen Sie an die Anlässe von Gewerblern oder Service Clubs», sagte er mir, «dann hören Sie selber, wie es dort tönt!»
Nur: Mit Fäkalsprache und Verunglimpfungen wird Müller die ersehnte Distanzierung nicht erreichen und das Image der Partei nicht verändern. Damit verspielt er höchstens den Goodwill bei der verbliebenen treuen FDP-Basis, die diese Partei auch darum wählt, weil sie nicht nur im Inhalt, sondern auch im Stil bürgerlich ist. Und bei diesen Freisinnigen kommen pubertäre Ausbrüche des Präsidenten ganz schlecht an.

Um die Etikette der Abzocker- und Filzpartei loszuwerden, braucht es Taten statt Worte. Politik statt Polemik. Und hier hapert es. Ein aktuelles Beispiel: In unserer letzten Ausgabe sagte Philipp Müller, «es reicht nicht, einfach Nein zu sagen zur Mindestlohn-Initiative» der Gewerkschaften. Am Montag aber ruderte er zurück und wollte nichts wissen von griffigen Massnahmen gegen tiefe Löhne. Ein zweites Beispiel ist die Familienpolitik: Da predigt der FDP-Chef, wie wichtig die Frauen für die Wirtschaft seien, lehnt aber dann den Familienartikel ab, der die Vereinbarkeit von Beruf und Karriere verbessern wollte. Und erteilt den FDP-Frauen, die für den Artikel waren, obendrein noch einen Maulkorb.

Philipp Müller hatte einen guten Start als FDP-Chef, doch in den letzten Wochen geriet er aus dem Tritt. Die Freisinnigen sind heute nicht weiter als unter dem sanften Vorgänger Fulvio Pelli. SVP-Inhalt und Juso-Stil: Diese Müller-Rechnung wird nicht aufgehen. Der Freisinn muss innen und aussen das sein, was ihn einst ausmachte: die liberale Kraft der Vernunft.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!