VON BENJAMIN WEINMANN AUS DETROIT
Detroit ist einer der wichtigsten Trümpfe von Präsident Barack Obama in diesem Wahlkampf. Denn die „Big Three“ der Stadt – Ford, General Motors (GM) und Chrysler – befinden sich auf Erfolgskurs. Und das drei Jahre, nachdem die Regierung GM und Chrysler mit Staatsgeldern in der Höhe von 80 Milliarden Dollar vor dem Bankrott rettete. Ford hatte sich kurz vor der Krise gerade noch rechtzeitig am Markt Kapital beschaffen können. Die meisten Republikaner waren gegen den Eingriff. Mitt Romney forderte in einer Kolumne gar, man solle Detroit bankrott gehen lassen.

Diese Woche titelte „The Detroit News“ auf der Frontseite: „GM schafft 2000 Jobs in Michigan“. Es war nicht die einzige Schlagzeile dieser Art in den vergangenen drei Jahren. Das kräftige Aufbäumen von „Motor City“ – so lautet Detroits Spitzname - hat massgeblich dazu beigetragen, dass die nationale Arbeitslosenrate unter 8 Prozent gefallen ist.

Auch in der Vizepräsidentschaftsdebatte am Donnerstag verwies Obamas Nummer 2, Joe Biden, mehrmals auf die Rettung der Autoindustrie und kritisierte die diesbezügliche Haltung von Mitt Romney. Bidens Gegner Paul Ryan war klug genug, in diesen Momenten still zu bleiben. Dabei hatte er selber damals im Kongress für die Rettung gestimmt, da in seinem Staat Wisconsin viele Autolieferanten beheimatet sind.

“Ein neuer Job schafft neun weitere Stellen“
„Die Autoindustrie ist von zentraler Bedeutung für die amerikanische Wirtschaft“, sagt Kristin Dziczek, Analystin vom Marktforschungsunternehmen Cargroup in Ann Arbor, etwa 70 Kilometer westlich von Detroit. 2010 habe die Autoindustrie insgesamt 91.5 Milliarden an Staatssteuern generiert, durch neue Autos, Benzin oder Lizenzen. Das seien 13 Prozent der totalen Staatssteuer-Einnahmen. Der Kern der Autoindustrie, die Manufaktur, habe einen Job-Multiplikationsfaktor von 10, einer der höchsten überhaupt, sagt Dziczek. „Ein neuer Job in der Autofabrik schafft neun weitere Stellen, sei es bei den Pneu-Herstellern, den Ersatzteil-Lieferanten, in der Werbung oder in der Logistik.“

Im Jahr 2000 arbeiteten laut Dziczek in den USA rund 1,13 Millionen Angestellte in der Autoindustrie. Heute sind es noch 650'000 Personen. Dennoch sieht die Lage besser aus als vor ein paar Jahren, wie das Beispiel Michigan zeigt. Hier sank die Zahl von 316’000 im Jahr 2000 auf 116’000 in der Krise und stieg bis heute wieder auf 137’000 an. Das Marktforschungsunternehmen prognostiziert ein weiteres Wachstum: „Wir gehen davon aus, dass bis im Jahr 2015/16 die nationale Autoindustrie hier rund 800'000 Menschen beschäftigen wird. Ohne die Rettungsaktion, den so genannten Bailout, wäre ein solches Wachstum nie möglich gewesen“, sagt Dziczek.

Vor der Krise hatten die grossen Autohersteller viele Produktionsprozesse ins günstigere Ausland verlagert, nach Mexico oder China. Doch nun lautet der Trend Insourcing statt Outsourcing. „Die Firmen haben nach Vorfällen wie dem Tsunami in Japan realisiert, dass der amerikanische Mittlere Westen weniger Risiken aufweist für die Produktion von Autos, die danach auch hier verkauft werden“, sagt Kristin Dziczek. Dienste wie IT, die früher von externen Firmen erbracht wurden, übernehmen GM und Chrysler nun wieder selber in Michigan.

Flucht aus Detroit?
Ein wesentlicher Faktor war aber vor allem die Vereinbarung der „Big Three“ mit der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) noch vor dem Bailout. Die Löhne für Einsteiger wurden markant gesenkt und drastische Kürzungen bei Sozialleistungen vorgenommen. Neue Angestellte starten nun mit einem Stundenlohn von 16 Dollar. Weil das Geschäft nun wieder besser läuft, erreichte die UAW, dass die Einstiegslöhne bis 2015 auf 19.50 Dollar angehoben werden.

Louis Rocha erinnert sich an die Krise. Er arbeitete in der GM-Fabrik in Lake Orion, welche den Pontiac G6 herstellte, und 2009 stillgelegt wurde. „Wir verabschiedeten uns voneinander“, sagt der 52-Jährige. „Es gab viele Umarmungen, Fotos wurden geschossen und E-Mail-Adressen ausgetauscht.“ Viele Angestellte verliessen Michigan, um sich anderswo eine Stelle zu suchen. „Auch ich hatte mich umgesehen“, sagt Rocha. Er war sieben Monate lang arbeitslos, konnte dann in einer anderen GM-Fabrik in Michigan arbeiten, ehe auch diese geschlossen wurde.

„Die Firma bot mir eine Stelle in Ohio oder Indiana an“, sagt Rocha. „Aber ich konnte nicht einfach alle Zelte abbrechen. Ich habe zwei Töchter im Teenageralter, die hier zur Schule gehen.“ Er kenne Viele, die dem Ruf gefolgt sind, und heute unter der Distanz zu Freunden und Familien leiden. Rocha zögerte mit dem Umzug, nachdem Gerüchte die Runde machten, die Obama-Regierung arbeite an einer Rettung von GM. Und so kam es. Die Gewerkschaft UAW schaffte es nach dem Bailout, GM dazu zu bringen, zwei neue Modelle in Lake Orion zu produzieren, anstatt wie geplant in Mexico.

Keine Lohnerhöhung, aber dennoch glücklich
Rocha erhielt seinen Job wieder, und heute hilft er, die GM-Autos Chevrolet Sonic und Buick Verano zusammenschrauben, von den Sitzen bis zum Sicherheitsgurt. 45 Autos pro Arbeitstag, der bis zu elf Stunden dauern kann. „Ich verdiene heute etwa gleich viel wie vor der Krise, 28.72 Dollar pro Stunde“, sagt Rocha. „Ich habe zwar weniger Ferien und Sozialleistungen, und seit neun Jahren gabs keine Gehaltserhöhung. Aber ich bin einfach glücklich, dass ich wieder arbeiten kann.“

In der Fabrik in Lake Orion arbeiteten vor dem Bailout 3400 Angestellte, heute sind es 2000. Es sei noch nicht alles gut, sagt Rocha, aber die Zeichen stünden auf Besserung. „Ich habe gehört, dass wir hier vielleicht bald ein drittes Automodell herstellen werden.“

Der vierfache Vater Charon Bobbitt war sieben Monate lang arbeitslos. Der 32-Jährige arbeitete bis 2009 für die Chrysler-Tochter Sterling Stampling und stanzte Autodächer, -Türen und –Hecks aus. Dann kam die Kündigung. „Ich wusste nicht, wie ich meine Familie ernähren sollte. Wir hatten Mühe, unsere Hypothek zu bezahlen, verkauften eines unserer beiden Autos, nahmen unsere Kinder aus der Privatschule, obwohl die öffentlichen Schulen hier schlecht und zum Teil gefährlich sind, und verzichteten auf jegliche Freizeit-Ausgaben.“

Zahlen lassen Romney hoffen
Bobbitt suchte sich einen anderen Job. „Bei der Grenzwache in Texas hatte ich bereits mein drittes Vorstellungsgespräch, obwohl ich mich vor den Drogenkriegen an der Grenze zu Mexiko fürchtete.“ Dann kamen der Bailout und der Verkauf von Chrysler an Fiat. Bobbitt kehrte an seinen Arbeitsplatz zurück, stieg zum Finanzsekretär auf. Seine Kinder gehen wieder an eine Privatschule. Er ist Obama dankbar, wie auch seine Arbeitskollegen. „Ich kenne niemanden in der Fabrik, der Romney wählt.“

Dennoch: An einer Republikaner-Veranstaltung vergangenen Montag in Detroit sagte Paul Ryan, er glaube daran, dass er und Mitt Romney in Michigan gewinnen können. Und Romneys Frau Ann stattete dem Staat am Freitag einen Besuch ab. Ryans und Romneys Hoffnungen sind nicht ganz unberechtigt. Zwar beträgt Obamas Vorsprung in Michigan laut einer aktuellen Umfrage von „The Detroit News“ komfortable 6.7 Prozentpunkte – allerdings waren es im September vor der ersten TV-Debatte noch 14,2.

Die Wirtschaft in Michigan hat dank des Bailouts zulegen können. Die Arbeitslosenquote sank von über 14 Prozent innert drei Jahre auf zirka 9 Prozent. Doch so wie früher, in den goldenen Jahren der US-Autoindustrie, wird es in Detroit nie mehr werden. Viele haben die Grossstadt verlassen, zahlreiche Gebäude im Zentrum stehen seit Jahrzehnten leer, und die Kriminalitätsrate gilt als eine der schlimmsten in ganz Amerika (siehe vorangehender Blogpost „Detroit, die Stadt der Ruinen“).

Die Chinesen kommen
Vor etwa 30 Jahren hielten Ford, GM und Chrysler laut Cargroup rund 75 Prozent des gesamten Auto-Marktanteils in den USA. Heute sind es noch 45 Prozent. Der momentane Boom dürfte diesen Anteil vorläufig sichern. Doch auf Detroit warten schwierige Zeiten. Koreas Autohersteller Hyundai und Kia haben den Amerikanern in den letzten Jahren mit langen Garantiezeiten und tiefen Preisen erfolgreich das Leben schwer gemacht.

Und wird es nicht bleiben. „Die Chinesen stehen vor der Tür“, sagt Kristin Dziczek. „Das wird die nächste grosse Herausforderung. Denn ihnen gehören schon jetzt Volvo und viele Lieferanten. Und zahlreiche Fabriken stehen in den USA zum Verkauf.“ Es sei nur eine Frage der Zeit bis der grosse Angriff komme. Diesen Kampf wird Detroit alleine bestehen müssen. Denn einen zweiten Bailout dürfte es weder unter Präsident Obama, und schon gar nicht unter einem Präsidenten Romney geben.

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