Antwort von Oswald Grübel: Zur Überraschung vieler sind die Aktienmärkte dieses Jahr tatsächlich stark gestiegen, mit wenigen Ausnahmen wie China und Brasilien. Dafür gibt es mehrere Gründe: Inflationsangst, Renditeüberlegungen und hoher Geldumlauf, nicht aber höhere Gewinnerwartungen.

Als die Zentralbanken anfingen, den Geldumlauf zu erhöhen, um die Konjunktur anzukurbeln und Zinssätze zu senken, mussten sich Anleger überlegen, wie sie ihr Geld investieren sollen. Zuerst kauften sie sichere Staatsanleihen, dann weniger sichere Industrieanleihen bis hin zu hochverzinslichen Anleihen mit sehr geringer Kreditwürdigkeit. Erst danach wurden die Aktienmärkte wieder entdeckt. Denn obwohl man keine grossen Gewinnerwartungen hatte, sahen die Dividendenrenditen vieler guter und bekannter Unternehmen von 4 oder sogar 5 Prozent doch sehr verlockend aus.

Ich glaube, dass das auch so weitergehen wird. Mehr und mehr Investoren werden zur Überzeugung kommen, dass die Aktienmärkte noch Aufwärtspotenzial haben – speziell, wenn die Zinssätze noch für Jahre tief bleiben, was wegen der hohen Staatsverschuldungen wahrscheinlich ist. Es sieht so aus, dass wir in eine relativ lange Zeitspanne gehen, wo jede Korrektur der Aktienmärkte eine Kaufgelegenheit sein wird.

Dabei spielen auch Überlegungen eine Rolle, die Aktien als unterbewertet gegenüber den Kreditmärkten sehen, oder wie im Fall von Japan, wo ein jahrzehntelanger Abwärtstrend zu Ende ist. Zudem wird vielen klar, dass Aktien einen guten Schutz gegen Geldentwertung bieten und dass wir die ungeheuren Staatsschulden nur durch Entwertung wieder in den Griff bekommen.

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