Die Nachricht: Die «NZZ» machte diese Woche publik, dass eine Bundesbeamtin Porno-Selfies aus dem Bundeshaus twitterte. Wie weit darf man beim Twittern gehen – und im Journalismus?

Der Kommentar: «Dass sich jetzt auch noch die stockseriöse NZZ auf das Boulevardniveau abseilt und im Inlandteil eine solche Porno-Anekdote verbreitet, will mir nicht in den Kopf», lästerte ein hochrangiger Redaktor. Der Einwand ist grundfalsch. Gerade heute, wo Elternhaus, Kirche und Schule als «Wertagenturen» nicht mehr unangefochten dastehen, liefern Medien die Plattform für Wertediskussionen. Die einen rufen lachend: Seid nicht so prüde. Die andern fragen bange oder zornig: «Gahts no?».

Der NZZ-Reporter Ronny Nicolussi gab sich nicht damit zufrieden, einen Shitstorm anzufachen. Zwar schrieb er in seinem Text gleich zu Beginn, dass «eine Bundeshausangestellte regelmässig» Nacktbilder aus ihrem Büro im Zentralbau am Bundesplatz twittert. «Auf den Bildern sind mitunter ihre primären und sekundären Geschlechtsmerkmale zu sehen». Der Frau würden auf Twitter «über 11 000 Nutzer» folgen. Die Aufnahmen seien Teil ihres Privatlebens, betont die unternehmungslustige Sekretärin. Das scheint gerade nicht so zu sein, denn das Raumdekor des Bundeshauses ist erkennbar. Und der Verhaltenskodex der Bundesverwaltung verpflichtet die Angestellten darauf, den guten Ruf und das Ansehen des Bundes nicht zu beeinträchtigen. Die Gefahr eines Reputationsverlusts ist immerhin vorhanden, wie viele Leserbriefe und mündliche Echos belegen: Sie verwahren sich dagegen, dass Sekretärinnen im Büro sexuell aufreizende Bilderfolgen inszenieren.

Natürlich ist da vieles Interpretationssache: Das Verhalten eines allenfalls erpressbaren Botschafters oder Chefs werde strenger beurteilt als das einer Sekretärin, betont der liberale St. Galler Arbeitsrechtler Thomas Geiser. Aber es gibt noch griffigere Regeln. Das Strafgesetzbuch definiert Pornografie (Art. 197 StGB). Wer pornografische Bildaufnahmen einer Person unter 16 Jahren zugänglich macht oder ahnungslose Twitterer damit überfällt, wird bestraft. Es handelt sich um ein Offizialdelikt, dem Polizei und Staatsanwalt nachgehen müssen. Die Barrikade steht gegen Aufnahmen, die auf sexuelle Anreize zielen und den Genitalbereich «aufdringlich betonen» oder auch Personen als blosse Lustobjekte darstellen. Hauptziel: Jugendschutz – natürlich finden sich zahlreiche Jugendliche unter Twitter-Nutzern. Die noch strengeren Bedingungen gegen «harte Pornografie» – mit Sexdarstellungen samt Tieren, Kindern oder Gewalt – lasse ich hier weg; die Beschreibungen in NZZ und die gepixelten Bilder in «Blick» am Folgetag nähren keinen entsprechenden Verdacht.

Wie sind die Medien mit der selbstverliebten Twitter-Täterin umgegangen? Die NZZ hat zu Beginn, soweit ich sehe, bloss eine von ihr auch befragte «Bundeshaus-Angestellte» beschrieben. «Blick» setzte wie zu erwarten eins drauf, publizierte Bilder (Gesicht gepixelt), nannte die Angestellte «A», lokalisierte sie überflüssigerweise in der kleinen Abteilung der Parlamentsdienste und behauptete, sie habe über 200 «Amateurpornos» gedreht. Am Mittwochabend meldeten dann die Parlamentsdienste, «eine Mitarbeiterin» habe «an ihrem Arbeitsplatz ein publiziertes Nacktbild gemacht», worauf sie wegen des guten Rufs des Parlaments «mit sofortiger Wirkung freigestellt worden sei». Das war wohl eine richtige, den Sachverhalt möglicherweise etwas verharmlosende Sofortmassnahme.

Ich erinnere mich an den nicht unähnlichen Fall der «Sex-Sklavin Snouky – Sado-Maso in einem zürcherischen Sozialamt» (2010), wobei «Blick» derart brutal identifizierend auf die einfache Angestellte «Snouky» losgegangen war, dass der Presserat eine scharfe Rüge aussprach. Der neue Chefredaktor René Lüchinger hat sich kürzlich im «Schweizer Journalisten» von diesem zynischen Vorgehen seines Vorgängers distanziert – erfreulicherweise.

Wie soll es jetzt weitergehen? Zuerst klären die Vorgesetzten der Parlamentsdienste und des Personalamts den Sachverhalt ab: Gewiss hat die Sekretärin gegen die «Empfehlung» des Personalamts verstossen, im Internet und in den Social Media nur Bilder zu veröffentlichen, die sie auch «Mitarbeitenden oder Vorgesetzten» zeigen dürfte. Eine «Empfehlung» ist noch kein ehernes Gebot, kann aber bei der Auslegung des Schädigungsverbotes beigezogen werden. Dazu kommt die strafrechtliche Abklärung von Anzahl, Dauer und Krassheit versandter Intim-Selfies. Zwar hat die Sekretärin ihr Twitterprofil gelöscht, aber früher getweetete Aufnahmen können noch lange im Netz herumgeistern. Mir scheint, eine arbeitsrechtliche Massnahme – mindestens ein präziser Verweis – sei unumgänglich.

* Peter Studer war Chefredaktor beim «Tages-Anzeiger» und beim Schweizer Fernsehen. Von 2001 bis 2007 präsidierte er den Schweizer Presserat.

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