Der Kommentar: Emilie Lieberherr – vor einem Jahr verstorben – würde kein Blatt vor den Mund nehmen und sagen: «Jetzt höred sie doch uf!». Die damalige Sozialamts-Vorsteherin hätte keine Freude daran, welche Halb- und Unwahrheiten zur Platzspitz-Schliessung erzählt werden. Zum Beispiel von ihrem Ex-Kollegen, dem Zürcher Polizeivorstand Robert Neukomm. Er sei noch heute «stocksauer», dass Statthalter Bruno Graf die Räumung verlangt habe, sagte Neukomm. Der Stadtrat habe den Befehl ausführen müssen.

Seine Version hat einen Haken: Sie stimmt so nicht und blendet das Versagen des damaligen Stadtrates aus. Was vor zwanzig Jahren wirklich hinter den Kulissen ablief, steht in Dutzenden von vertraulichen Protokollen. Zum Beispiel: Dass der Stadtrat den «Needle-Park», wie ihn ausländische Medien tauften, schliessen wollte, wurde schon im Dezember 1991 von der Mehrheit des Stadtrates beschlossen. Oder es ist zu lesen, dass gezielt Massnahmen zur Manipulation der Medien beschlossen wurden. Selbst die Armee sollte zu Hilfe eilen. Man würde auch erfahren, dass die Öffentlichkeit über einen Streit im Stadtrat angelogen wurde. Oder, dass Lieberherr ultimativ eine Aussprache mit Neukomm forderte. Sie wollte das repressive Verhalten der Polizei gegen Süchtige nicht weiter mittragen.

Das sind nur ein paar von vielen Beispielen, wie es hinter den Kulissen zu- und herging. Zu einem Rückblick auf 20 Jahre Platzspitz-Schliessung gehört auch eine Aufarbeitung der wahren Hintergründe. Dafür gibt es nur einen Weg: die Protokolle öffentlich zu machen. Emilie Lieberherr wäre die Erste, die das an die Hand nehmen würde.

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