Der Kommentar: Unsere Lebenserwartung ist gestiegen. Die der Frauen um einiges mehr als die der Männer.
Einem im Jahr 2000 geborenen Mädchen eröffnet sich eine Chance von siebzig Prozent, hundert Jahre alt zu werden, einem Knaben eine von fünfzig, den zweiundneunzigsten Geburtstag zu erreichen.

Die Gründe für die unterschiedliche Lebenszeit bleiben sowohl spekulativ wie suspekt, aber es kann davon ausgegangen werden, dass man um uns Frauen je länger je weniger herumkommt. Die Quantität wird sich vergrössern und somit – ich wage das zu behaupten – auch unsere Relevanz. Wir werden neue Rollen spielen müssen, veränderte. Und die Frage drängt sich auf, was der Welt damit bevorsteht.

Vorerst einmal den Männern. Sie mutieren zu Minderheiten. Wie wir sie kennen, wird ihnen das zu schaffen machen. Wie wir uns kennen, ebenfalls. Wir werden ihnen Mut zusprechen und uns weiterhin so verhalten, als zählten sie mehr, als sie dies tatsächlich tun.

Es fällt uns schwer, im Vorteil zu sein, denn um Gleichberechtigung zu kämpfen, ist das eine, damit etwas anzufangen das andere. Über 60 Prozent der Schweizerinnen wählen immer noch wie vor 40 Jahren, nämlich gar nicht. Auf einmal sprechen wir von der so genannten Feminisierung der Schule und orten darin bereitwillig die Schuld am Misserfolg unserer faulen Buben, denen die Mädchen den Rang ablaufen. Jahrhundertelang im Koma belassen, was Bildung betrifft, bekommen wir nun überhand an den Universitäten.

Was zur Folge hat, dass wir uns kaum mehr einrenken vor schlechtem Gewissen. Wir rufen nach männlichem Lehrpersonal, nach auf Knaben ausgerichteter Didaktik, nach besserer Förderung ihrer Eigenarten, statt mit Vergnügen festzustellen: In ihrem Durchschnitt sind Mädchen schulisch erfolgreicher als Buben. Sie lernen disziplinierter, sie lernen lieber, sie erfassen auf schnelle Weise die Zusammenhänge, sie haben gute Noten.

Doch weder ihr Interesse noch ihre Effizienz sollten uns Gegenstand werden von spitzen Bemerkungen. Uns, den ehemaligen Elitetruppen der Emanzipation und heutigen Löwenmüttern für die erschwerte Sache unseres männlichen Nachwuchses.

Womit wir zu uns kommen: Frank Schirrmacher, der Verfasser des Methusalem-Komplotts, der die demografische Katastrophe beschwört, sieht in ungeklärter Reihenfolge samt den Männern auch unseren Nachwuchs verschwinden. Das mag irritierend sein, eröffnet uns jedoch neue Perspektiven und zwingt uns, die letzten Jahre der Menschheit eigenhändig über die Runden zu bringen.

Nachdem wir uns abgefunden haben, dass wir in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft alle wichtigen Posten selbst besetzen müssen, nachdem wir Staatsoberhäupter sind, Firmenchefinnen, Päpstinnen, begebe ich mich ins Bundeshaus. Da treffe ich auf die letzten männlichen Parlamentsmitglieder zusammengeschrumpft auf die kleinste mögliche Fraktion. Überparteilich. Sie tagt im Restaurant, studiert die Speisekarte und sucht im Dschungel der Salate nach einem Schnitzel. Einer flüstert einen despektierlichen Witz aus versunkenen Zeiten, den Kameraden kommen die Tränen. Ihr Fehlen im Ratssaal bleibt unbemerkt. Man arbeitet dort in Gruppen.

Lösungsorientiert, pragmatisch, Workshop-erprobt. Die Glocke ertönt sporadisch, sie läutet das Fitnessprogramm ein, Pilates und Yoga, die tägliche Schultermassage, die kleine Auszeit mit Nespresso und George Clooney oder Prosecco aus der Dose mit Paris Hilton.

Weshalb auf Armeen setzen, wenn den Frauen das Schiessen nicht liegt? Weshalb Polizeikräfte aufstocken, wenn uns niemand mehr erwürgt? Weshalb Minarette schleifen, wenn kein Muezzin mehr ruft? Weshalb Fussballspiele dem Service

public unterstellen, wenn sie kaum jemand schaut? Dafür boomt die Modeindustrie, die Telefonie wird zur führenden Branche, Schönheitschirurgie gehört zur Grundversicherung. Die Sonnenstrahlung wird endlich erschöpfend genutzt. Sie bildet global etablierte Energiequelle und Reichtumsfaktor des Südens, dessen Freiluftsolarien die verregneten Gemüter der Nordländerinnen vor Depressionen bewahren.

Wir besteuern uns einzeln, anerkennen die Streitbarkeit aller, setzen bei Konflikten auf Verhandlungen, diskutieren die Dinge aus und schwatzen uns gegenseitig in den Tiefschlaf. In der Tatsache, dass Frauen älter werden als Männer, liegt Potenzial. Sogar die Träume bleiben uns erhalten.

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