Der Kommentar: Die heutige Nationalhymne brauchte 120 Jahre von der Komposition bis zur provisorischen Genehmigung durch den Bundesrat. 1841 vertonte der Urner Komponist Alberik Zwyssig den Schweizerpsalm von Leonhard Widmer mit der Melodie eines früher kreierten Messgesangs. Und 1961 wurde «Trittst im Morgenrot daher» zur vorläufigen Landeshymne bestimmt. Obwohl sechs Kantone eine definitive Wahl ablehnten, erhielt die Hymne 1981 offiziellen Charakter. Seither wird sie täglich um Mitternacht im Schweizer Radio gesendet und an unzähligen Sportveranstaltungen im In- und Ausland gesungen. Dennoch können bis heute nur wenige die drei Strophen auswendig singen.

Musikalisch hat die Nationalhymne weder die Qualität von Haydns «Deutschlandlied» noch die Rasse der Brasilia-Melodie oder die Würde der «Marseillaise». Die künftige Nationalhymne müsste so eingängig sein wie das «Buurebüebli», «Là haut sur la montagne», «Aprite le porte» oder die «Canzun della milissa».

Der Schweizerpsalm ist aber vor allem textlich reformbedürftig. Wolfgang Koydl, Schweiz-Korrespondent der «Süddeutschen Zeitung», bezeichnete den Text als eine «Kreuzung aus Kirchenlied und Wetterbericht: Schwülstige religiöse Passagen wechseln mit meteorologischen Beobachtungen von Nebelflor und Wolkenmeer, Sturm und Gewitternacht.» Ausser der Zeile «Betet, freie Schweizer, betet» steht im Psalm auch nichts spezifisch Schweizerisches. Der Text hätte auch im Himalaja oder in den Anden seine Gültigkeit.

Kein Wunder, dass seit Einführung der heutigen Hymne wiederholt Initiativen für eine neue Hymne ergriffen wurden. Bereits 1973 schuf der Operettenkomponist Paul Burkhard – bekannt durch das Lied «O mein Papa» – ein «Schweizerlied». Und 1998 sponserte Zigarrenkönig Heinrich Villiger einen Künstlerwettbewerb für eine neue Hymne. Daraus entstand das berndeutsche Lied «Härzland» von Roland Zoss. Auf dem politischen Parkett gab es ebenfalls zahlreiche Vorstösse für eine neue Hymne, das letzte Mal 2004 durch Nationalrätin Margret Kiener Nellen.

Vor einem Jahr kündigte die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft einen Künstlerwettbewerb für eine neue Nationalhymne an. Als Textgrundlage für die künftige Hymne soll die Präambel der Schweizer Bundesverfassung dienen. Die darin enthaltenen Werte (Demokratie, Vielfalt, Freiheit, Frieden, Solidarität) wurden vom Schweizer Volk vor 15 Jahren mit grosser Mehrheit genehmigt. Die melodische Linie der heutigen Hymne soll auch in Zukunft im Prinzip beibehalten werden. Sollte jemand jedoch mit einer neuen Melodie die Schweizer Herzen erobern und einen Ohrwurm kreieren, würde dieses «Prinzip» sicherlich grosszügig ausgelegt.

Am 1. Januar 2014 startet der Künstlerwettbewerb und dauert bis Ende Juni. Im Herbst 2014 wird eine Jury die besten 10 Wettbewerbsbeiträge eruieren. Und an einem öffentlichen Anlass Ende 2014 werden die Sieger gekürt. Präsidiert wird die Jury von Christine Beerli (ehem. Ständerätin Bern), Patrizia Pesenti (ehem. Staatsrätin Tessin), Oscar Knapp (VR SRG) und Pierre Kohler (ehem. Nationalrat und Regierungsrat Jura). Die weiteren 20 Jury-Mitglieder sind Vertreterinnen und Vertreter von Sport- und Musikverbänden sowie Profis aus den Bereichen Text und Musik. Im Jahr 2015 wird dann der Bundesrat gebeten, den Siegerbeitrag zur künftigen Nationalhymne zu bestimmen. Damit der Bundesrat dafür nicht wieder 120 Jahre Zeit braucht, soll ein Patronatskomitee den politischen Entscheidungsprozess in Gang bringen.

Es würde mich sehr freuen, wenn der Künstlerwettbewerb zu einer zeitgemässen Nationalhymne führt, die in allen Sprachregionen Gefallen findet. Persönlich freue ich mich aber schon jetzt über die ausgelösten Diskussionen rund um die gemeinsamen Werte, die in einer neuen Hymne besungen werden sollen. Diese kollektive Standortbestimmung ist eine Chance für die nationale Identität. Mich interessiert zudem, ob Profis oder Laien die besten Beiträge liefern werden und warum sie «Gott den Allmächtigen» oder andere Teile der Präambel in die Hymne übernehmen werden oder nicht. Und letztlich bin ich auch gespannt, ob ein Beitrag es schaffen wird, dass ich beim Anhören reflexartig mit Fingern und Füssen den Rhythmus zu klopfen beginne.

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