So viel vorweg: Joe Biden war geladen und gab von Anfang an Vollgas. Während Mitt Romney vor einer Woche freie Bahn hatte, schenkten sich die beiden Nummern 2 des Wahlkampfes nichts an diesem Abend während 90 intensiven Minuten.

Biden nahm kein Blatt vor den Mund und sagte das, was Obama vergangenen Mittwoch höchstens am Rande erwähnte. Der ehemalige Senator schoss aus allen Rohren: Romney kümmert sich nicht um die 47 Prozent – boom! Romney wollte Detroit bankrottgehen lassen – boom! Wir brachten Bin Laden zur Strecke – boom! Biden punktete mit Fakten, Substanz und Emotionen. Er erfüllte die Erwartungen.

Biden fast wie Al Gore
Dennoch war Bidens Auftritt nicht perfekt. Er lachte sehr oft während Ryan am sprechen war, auch bei sehr ernsten Themen wie Irans Nuklearplänen. Damit verfehlte er das Ziel. Anstatt Ryan lächerlich aussehen zu lassen, wirkte Biden arrogant. Sein wiederholtes Grinsen erinnerte an die unzähligen, herablassenden Seufzer von Al Gore in der Präsidentschaftsdebatte gegen George W. Bush 2000.

Ryan überraschte und blieb cool. Der Republikaner hatte sich intensiv auf diese Debatte vorbereitet und laut Angaben seines Wahlkampfteams neun Mal neunzig Minuten lang die Debatte geprobt. Das merkte man. Bei Fragen zur US-Aussenpolitik – eines von Bidens Steckenpferden – argumentierte Ryan mit viel Selbstvertrauen. Er verteidigte Mitt Romney souverän, präsentiere ihn und sich selber als entschlossene Leader, und wurde nicht müde, die Regierung Obama für die schlechte Wirtschaftslage verantwortlich zu machen.

Doch auch Ryan blieb nicht über alle Zweifel erhaben. Wie Romney vor einer Woche, gab Paul Ryan nur oberflächlich Auskunft, als er gefragt wurde, wie er und Mitt Romney das Haushaltsdefizit in den Griff bekommen wollen.

Jetzt liegts an Obama
Moderatorin Martha Raddatz hatte das Gespräch deutlich besser im Griff als ihr Vorgänger Jim Lehrer. Die Themen waren spezifischer, wodurch die unterschiedliche Haltung der beiden Politiker deutlicher war als bei Romney und Obama. Die aggressive Debatte unterhielt prächtig und befriedigte beide Parteien. Aber was sie den vielen unentschlossenen Wählern in der Mitte gebracht hat, ist die andere Frage.

Unter dem Strich endete die TV-Debatte in Kentucky in einem Unentschieden mit minimen Vorteilen für Biden. Die Punkte, die Romney gegen den schwachen Obama vergangene Woche gewann, konnte der Vizepräsident wohl nicht ganz wettmachen. Die Niederlage Obamas lastet weiterhin auf den Schultern des Präsidenten. Aber Bidens engagierter Auftritt hat die Demokraten aus ihrer zwischenzeitlichen Wahlkampf-Lethargie zurückgeholt. Ein zweites blaues Auge kurz vor dem Ziel, und die Obama-Kampagne wäre dem K.O. nahe gewesen.