Am Donnerstag geriet ein Autofahrer in Lenzburg auf die Gegenfahrbahn und kollidierte mit einer 17-jährigen Rollerfahrerin. Sie erlitt mehrere Beinbrüche. Der Autofahrer war nicht alkoholisiert und er beteuert, auch nicht sein Handy bedient zu haben. Vorerst bleibt rätselhaft, warum er auf die Gegenfahrbahn kam.

Hiesse der Fahrer nicht Philipp Müller, wären die Folgen für die 17-jährige Frau ebenso schmerzhaft, aber der Unfall käme nicht in der «Tagesschau». In den sozialen Medien und in den Online-Foren würde nicht über das Fehlverhalten des Fahrers spekuliert, Kommunikationsexperten würden keine Blogs dazu verfassen, und dieses Editorial würde wohl von der Asylpolitik handeln. Doch der Fahrer ist Parteipräsident. Darum steht in der knallharten Mediengesellschaft jetzt nicht primär die Frage im Raum, wie es der 17-Jährigen geht. Sondern ob Philipp Müller im Aargau noch Chancen hat, Ständerat zu werden und ob er «als FDP-Präsident noch tragbar ist», wie gestern ein grosses Newsportal seine Leser in einer Abstimmung fragte.

Sechs Stunden vor dem Unfall sprach ich mit Philipp Müller an der Session über die neuste Wahlumfrage, die die FDP als Siegerin sah. Philipp Müller sagte, die Zahlen seien schön, aber es könne jederzeit etwas Unvorhersehbares geschehen, und dann sei womöglich alles wieder anders. Unvorhersehbar könne sich etwa die Flüchtlingskrise entwickeln. Am Abend dann geschah das Unvorhersehbare bei ihm selbst.

Philipp Müller ist nach dem Unfall kein schlechterer Politiker als davor. Ihm ist passiert, was nicht passieren darf und doch jedem von uns passieren kann. Natürlich stellen sich Fragen, insbesondere nachdem der Vater des Opfers gesagt hat, Müller habe nach dem Unfall nicht geholfen und sich auch nicht persönlich bei ihm gemeldet. Müller hat gestern Abend zu den Vorwürfen Stellung genommen: Er sei unter Schock gestanden, und es hätten schon andere Leute erste Hilfe geleistet. Die junge Frau habe er nicht kontaktiert, weil die Eltern keine direkte Kontaktaufnahme wünschten.

Politisch darf dieser Unfall nicht instrumentalisiert werden, auch nicht hintenrum. Wie die Wähler reagieren werden, weiss niemand. Klar ist, dass sie nicht nur Politiker wählen, sondern auch Menschen. Der Lauf des Lebens kann sich in Sekundenschnelle ändern, der Lauf der Politik ebenso.

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