Der Kommentar: Der bedeutende Fehler am Rücktritt des Nationalbankpräsidenten ist der Rücktritt selbst. Er war unnötig, weil in der Sache ohne Grund. Das ist das beklemmende Fazit einer angeblich spontanen Bankgeheimnisverletzung, in deren Folge bis heute nicht zu durchschauen ist, wer die Fäden zieht und wer an ihnen hängt.

Philipp Hildebrand hat eine Spur gelegt. Er räume das Feld, weil er seine Unschuld nicht beweisen könne. Die Begründung, die der Mann seinem Schritte unterlegt, ist gefährlich, weil sie die Umkehr eines fundamentalen Rechtsstaatsprinzips bedeutet. Wir alle wissen nämlich, dass nicht
die Unschuld zu beweisen ist, sondern die Schuld. Wieso nur nimmt der oberste Vertreter unserer Nationalbank nicht für sich in Anspruch, was jedem noch so kleinen Angeklagten ganz selbstverständlich zusteht? Wäre Hans Meier irgendeiner Tat beschuldigt worden, hätten staatliche Organe abgeklärt, ob alle E-Mails wirklich je versendet wurden. Oder wieso sein Kundenberater nicht schreibt, «ich bestätige Deine gestrige Aussage», sondern
«wie ich mich erinnere».

Die primäre Erklärung für diese Unterlassung ist einfach: Philipp Hildebrand suchte die finale Entlastung und fand sie. Nach Regeln, die nicht Recht und Ordnung vorsehen, sondern Medien und schlechte Politik diktieren. Deshalb war die Entlastung auch nicht von Dauer, sondern reichte nur bis zur Publikation eines nächsten vorletzten E-Mails.

Also die Frage: Wieso musste er gehen? Vielleicht - liegt hier der Beginn des Verhängnisses? Hat Philipp Hildebrand zusammen mit seiner Frau
US-amerikanisches Steuerrecht verletzt? Deswegen wurde er nicht gejagt. Philipp Hildebrand hat kein schweizerisches Recht verletzt; jedenfalls wird
dies bis dato nicht behauptet. Philipp Hildebrand musste gehen, weil sein Verhalten nicht moralisch sei (sic!). Alleine der Jargon ist grauenhaft. Eine Handlung kann nicht an sich moralisch sein oder nicht, sondern nach moralischen Massstäben gut oder schlecht.

Nur: Vorwürfe die Moral betreffend, auch wenn sie sich gegen exponierte Persönlichkeiten richten, sollten den Mindestregeln der Ethik folgen. Ethik ist unter anderem der Versuch, nach anerkannten Denkregeln über Fragen der Moral zu entscheiden. Ethik ist also weit mehr als persönliche Befindlichkeit. Sie sucht Begründung und Nachvollziehbarkeit auf einem Felde, das jedermann betrifft und auch jedermann zugänglich sein muss. Eine Gesellschaft, die sich nicht auf Denkregeln, Verfahren und Institutionen stützt, verfällt der Willkür. Denn ohne Institution und Verfahren fehlt jener stabilisierende Rahmen, der die Vernunft walten und der Wahrheit eine Chance lässt.

Gibt es in der Causa Hildebrand eine Wahrheit? Wenn überhaupt, dann als divergierende Sichtweisen der Handelnden. Gründlichkeit, Verlässlichkeit, Korrektheit und Akzeptierbarkeit hätte nur ein förmlicher Prozess bringen können. Derlei werden wir aller Voraussicht nach nicht erleben. Die Initiatoren der Hetze haben kein Interesse, mit ihren Lügen konfrontiert zu werden. Und dem Gefallenen wird die nächste Beschäftigung wichtiger sein als die Retrospektive. Eine verspätete Wahrheit bringt ihn nicht mehr in den Sattel.

Für den Staat der Moderne gibt es keine Moral ausserhalb des Rechts. Moral hat im demokratischen Verfahren Eingang ins Recht zu finden. Festzustellen, jemand habe das Gesetz nicht verletzt, müsse aber den Posten trotzdem räumen, ist grundsätzlich willkürlich.

Vom Vakuum des gängigen Moralismus profitieren jene, die Macht haben und noch mehr Macht wollen. Es profitieren Medien, die nicht berichten, sondern sich als Akteure verstehen. So zirkushaft also die Umstände sind, so ernst hat man die Regie zu nehmen, die hinter dem Abgang des Nationalbankpräsidenten steckt. Eine Regie der reinen Macht, mit Demokratie und Rechtsstaat als Zuschauern.

Philipp Hildebrand hätte, wenn schon nicht sich,
so Recht und Gesetz verteidigen müssen. Dies nicht getan und der Doppelmoral seiner Jäger die Tür geöffnet zu haben, ist der Vorwurf, den er sich
über den Tag hinaus gefallen lassen muss. Dass die politischen Parteien solches nicht leisten, ist eine bittere Wahrheit.