Es nützt nichts, zu lamentieren, wenn die Börse in eine andere Richtung marschiert als gedacht. Einmal mehr die Börsenlogik: Zwei und zwei gibt niemals vier, aber immer fünf minus eins.

Ein einfaches Zahlenbeispiel: Ein Anlagefonds besitzt 1000 Swiss-Re-Aktien, die er in den guten Zeiten zu 100 Franken erworben hatte. In der Baisse nach dem Einstieg von Warren Buffett kaufte er nochmals 1000 Stück, diesmal zu 20 Franken.

Er besitzt nun 2000 Aktien zum Einstandspreis von 60 Franken. Jetzt kauft er – weil alles wieder besser aussieht – 2000 Stück zu 35 Franken. Er besitzt jetzt 4000 Swiss Re im Einstandpreis von «nur noch» 45 Franken. Der Aktienkurs hat sich inzwischen wieder mit solchen Fondskäufen erholt und tendiert gegen 45 Franken, nähert sich also dem Einstandspreis.

Die Fondsmanager können ihren Anteilseignern im nächsten Rechenschaftsbericht frohen Herzens verkünden: «Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat uns wohl einen Tritt ans Schienbein versetzt, aber wir stehen weiterhin auf beiden Beinen solide da.» Alle sind happy!

Diese Masche des abgewandelten «Window Dressing», des Herrichten des Schaufensters, ist inzwischen weltweit bei den meisten Fondsmanagern beliebt, um den Anlegern vorzu-führen, dass sie die cleveren Aktienmanager seien.

Der zweite Grund für die Börsenhausse: Die Staatsbanken haben Abermilliarden ins Finanzsystem gepumpt. Mit dem Resultat, dass die Zinsen zusammengebrochen sind. Heute können sich Unternehmungen und Banken praktisch zum Nulltarif refinanzieren.

Zulasten der öffentlichen Hand, versteht sich. Für die vielen Anleger, die bisher ihr Geld in Obligationen anlegten und von den Zinsen lebten, sind das böse Zeiten.

Ohne Zinsen kein Ertrag. Das trifft die vielen Anleger mit Altersbatzen und die vielen Pensionskassen. Als kleines Türchen hat sich ausgerechnet der Aktienmarkt aufgemacht. Es gibt inzwischen mehrere Aktien, deren Dividende weit über der Obligationenrendite liegt.

Diese werden jetzt – wenn auch widerwillig – gekauft, um eine Mindestverzinsung des Kapitals zu erreichen. Das ist eine der Perversionen der Börse, die sie – wenigstens kurzfristig – sexy macht. Aber auch diese Schön-wetterperiode wird ihr Ende finden: Die Lage der gesamten Wirtschaft ist weiterhin desolat.