Der Kommentar: Alle Eltern wollen das Beste für ihr Kind. Es ist fast immer ungerecht, den Eltern anderes zu unterstellen. Nur: Was ist «das Beste»? Die Auswahl an Wünschen ist gross: Gesundheit, Wohlbefinden, Schulerfolg, Anerkennung, Freundschaften mit anderen Kindern, Leistung, eine
gute Lebensperspektive und irgendwie auch alles zusammen.

Manches, wie Freundschaften, können Eltern nicht wirklich beeinflussen, anderes, wie Gesundheit und gute Ernährung, hängt weitgehend von ihnen ab. Grundsätzlich ist ihre Unterstützung für das Aufwachsen der Kinder unverzichtbar und durch nichts zu ersetzen. «Unterstützung» ist ein anderes Wort für Liebe, mit der die Beziehung zum Kind gestaltet wird.

Die Umwelten für diese Beziehung haben sich seit Pestalozzis Zeiten grundlegend geändert. Die Kinder wachsen kaum noch in Geschwisterreihen auf, was auch heisst, dass sie ihre Eltern nicht teilen müssen. Die Eltern konzentrieren ihre Aufmerksamkeit und ihre Erwartungen auf ein oder zwei Kinder, und das bei steigenden Ausgaben. Mindestens für die Mittelschicht gilt: In immer weniger Kinder wird immer mehr investiert. Nicht zufällig ist zwischen Erziehungsratgebern und Therapieformen ein eigener Markt entstanden, der von grossen Verheissungen getragen wird.

Auf Elternseite ist zu beobachten, dass verstärkt auf Symptome reagiert wird, die früher nie Anlass zur Sorge waren. Dazu gehören «Schüchternheit» ebenso wie «Hochbegabung», weiter «Fernsehkonsum», «Übergewichtigkeit», «Antriebsarmut» oder die heutige Variante des «Zappelphilipps». Für alles gibt es Ratgeber, Schulungen, Förderkurse oder Therapieangebote.

Ein ähnlicher Befund gilt auch für pädagogische Institutionen, die immer häufiger Kinder, und besonders kleine Kinder, zur Abklärung schicken und das in Anspruch nehmen, was man «professionelle Hilfe» nennt. Konkret heisst das, Kinder werden schneller auffällig und bestimmte Etikettierungen wie «Verhaltens- oder Lernstörungen» greifen häufiger als in der Vergangenheit.

Aber perfekte Kinder gibt es nicht und gäbe es sie, könnte man sie kaum als «Kinder» bezeichnen. Sie brauchen für ihr Leben kein Frühchinesisch, sie brauchen nicht einmal Frühenglisch, sie brauchen auch keine überflüssigen Behandlungen und sollten vor einem gesellschaftlichen Förderungswahn geschützt werden. Was sie zum Aufwachsen benötigen, sind eine intakte Umwelt, stabile Beziehungen und altersgerechte Lernanregungen, mit denen sie sich selbst «fördern» können.

Der Therapie- und Ratgebermarkt setzt voraus, dass mit dem, was Eltern und Erzieher tun, irgendetwas nicht stimmt. Weil jeder Markt sich vergrössern muss, stimmt in der Tendenz immer weniger. Manche Eltern lassen sich auch vergleichsweise schnell Defizite einreden oder reagieren auf Angebote, auch wenn diese gar nicht wirksam sind. Angesichts der hohen Verantwortung und der öffentlichen Sichtbarkeit ihrer Kinder ist die Sorge verständlich. Aber die Frage ist, ob das Mass stimmt. Die Diskussion geht so weit, dass gefordert wird, den Eltern eine Ausbildung abzuverlangen, bevor sie mit der Erziehung beginnen dürfen.

Man muss angesichts solcher Überlegungen daran erinnern, dass keine Beziehung so intensiv ist wie die zu den Kindern, dass die meisten Eltern mit Erziehungsproblemen verantwortungsvoll umgehen und dass die Aufregung über die angeblich immer grösser werdenden Probleme nicht der Wirklichkeit entspricht. Der zentrale Modus im Umgang mit Kindern ist neben Liebe Gelassenheit. Was problematisch erscheint, wächst sich zurecht, und selbst unlösbare Probleme wie die Pubertät hat man irgendwann überstanden.

Professionelle Hilfe kann nötig sein, aber darf nicht zum Regelfall der Erziehung werden. Die Verantwortung für die Kinder lässt sich nicht abwälzen. Die zentrale Botschaft muss sein, dass die Eltern sich die Erziehung zutrauen und selbst am besten wissen, wie sie den nicht immer leichten Alltag gestalten können. Alles andere ist nachgeordnet. Die Erziehung ist nicht der Anwendungsfall für die Therapiegesellschaft.

Die externen Kolumnisten und Kommentatoren des «Sonntags» äussern in ihren Beiträgen ihre persönliche Meinung.

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