Der «schwarze Sonntag» (Delamuraz) vom 6. Dezember 1992, an dem die Romandie dem EWR mit 70 Prozent zustimmte, die Deutschschweiz diesen aber scheitern liess: Hat er die Eidgenossenschaft wirklich erschüttert? Die Verletzung war real, aber sie wurde nicht zum Drama. Am Tag nach der Abstimmung, noch immer stark engagiert für den EWR als Chefredaktor des «Nouveau Quotidien» (der sich «journal suisse et européen» nannte!), schrieb ich Folgendes: «Es ist unlogisch, einerseits die Pluralität der Schweiz zu preisen, anderseits gleiches Verhalten zu erwarten. Wir dürfen niemandem die Schuld geben, nur weil wir unterschiedlich sind.»

Eigentlich, so schrieb ich, hätten sich die beiden Seiten der Saane, zwei Kulturen, die Stirn geboten: «Jene des nostalgischen Rückzugs, der Angst vor dem Fremden, der hyperpatriotischen Utopie» – und die Kultur jener Leute, «die bereits die europäische Realität von heute kennen: hart im Wettbewerb, aber voller Hoffnung und Solidarität». Diese Zeilen von 1992 bleiben aktuell.

Was geschah in der Folge? Während rund zehn Jahren hatte die Schweiz schwierige Momente: ein im Vergleich zu den Nachbarn schwächeres Wirtschaftswachstum, Abkommen, die sich hinauszögerten, eine Immobilienkrise… Dann, nach der Wende von 2000, wurde das Bild rosarot, begann eine Periode wirtschaftlicher Prosperität.

Und heute? Das Wetter trübt sich wieder. Unsere Partner wollen nicht mehr ewig sektorielle Abkommen mit uns aushandeln. Von überall hagelt es Kritik: von Deutschland, von Italien, von Frankreich. Nie seit einem halben Jahrhundert waren die Beziehungen zu unseren Nächsten so kühl wie heute. Der starke Franken verjagt die traditionellen Touristen. Die Industrieunternehmen vollbringen Wunder, um weiter exportieren zu können, aber die kleinen fangen an, die Zunge herauszustrecken.

Und der Finanzplatz entlässt massenhaft Personal. Die Geschichten um gestohlene CDs schaden seiner Reputation. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Angesehenen von nebenan ihre mit Geldscheinen gefüllten Köfferchen bei uns deponierten. Bankiers und Versicherer sagen sich, dass es besser wäre, wenn sie Filialen bei ihren Klienten eröffnen würden, aber der freie Zugang zum Finanzmarkt, welcher der EWR ihnen offeriert hätte, wird ihnen verwehrt.

Zudem bildet sich unaufhörlich eine Immobilien-Blase. Rund um den Genfersee sieht man eine Unzahl von Baustellen. Der Nationalbank-Präsident erklärte, der Ansturm auf Hypotheken bereite ihm «Bauchschmerzen». Doch wer hört auf ihn? Die Mehrheit der Schweizer ist sich – geblendet vom offiziellen Hurra-Geschrei – sicher, dass sie auf ewig von den Übeln ihrer Nachbarn verschont bleiben. Einige Übel sind aber ansteckend. Die patriotische Arroganz macht blind.

Zu diesen Sorgen des ganzen Landes kommen jene der Romands hinzu. Sie stellen fest, dass ihr Bahnnetz und die Bahnhöfe veraltet sind. Dass Bundesgelder in Strömen in die Region Zürich flossen. Und dass sie eine politische Stosskraft brauchen, die sie nicht haben, um jetzt auch entsprechende Anteile für Lausanne, Genf oder den Jura zu erhalten. Sie müssen zusehen, wie Bundesaufträge prioritär Deutschschweizer Anbietern zugeschanzt werden, weil die Beamten Angst davor haben, französisch sprechen zu müssen.

Der Rückgang dieser Sprache in Verwaltung und Parlament ist frappant. Die Regel «jeder spricht seine Sprache, und man versteht sich» ist zur Farce geworden. Um sich verständigen zu können, müssen die Romands Deutsch sprechen. Sie lernen es heute besser als früher: Es gibt mehr und mehr zweisprachige Gymnasien, und Tausende junge Menschen verbringen Sprachaufenthalte in Berlin.

Die Welschen schätzen heute die Verbrechen, die durch Ausländer begangen werden, nicht mehr anders ein als die Deutschschweizer, aber sie sind verblüfft über die Zürcher, die wegen der grossen Zahl Deutscher beunruhigt sind. Sie sind stolz zu sehen, wie sich die ETH Lausanne zu einem vielsprachigen wissenschaftlichen Turm zu Babel entwickelt.

Die Zukunft hält Überraschungen für uns bereit – gute und schlechte. Doch zwei Dinge sind sicher. Die Schweiz wird sich nicht im Fieber von Hitzköpfen entzweien wie die Belgier. Und die Klischees, auf die sich die Romands und die Deutschschweizer stürzen (in der Art der «Weltwoche»-Schlagzeile «Die Griechen der Schweiz»), werden ins Wanken geraten. In jedem Sinn.

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