Der Kommentar: Die Szene hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich diskutierte in der Wandelhalle mit SVP-Präsident Toni Brunner, als sich Otto Ineichen, verlegen lächelnd, dazu gesellte. Um uns herum baute sich sofort ein Pulk aus SVP-Parlamentariern auf. Deren Wut war mit Händen greifbar, aber sie schwiegen. Ineichen und Brunner flachsten, der angespannten Lage zum Trotz.

Otto Ineichen war in diesem Moment Hassobjekt Nummer eins der SVP. Diese «schimpfe, hetze, polarisiere und polemisiere», hatte er im «Sonntag» geschrieben. «Es kann nicht sein, dass eine Partei für den Stimmenfang die ganze Schweiz an die Wand fährt.» Der offene Brief war am 6. März 2011 erschienen. Ineichen drückte ein halbes Jahr vor den Wahlen sein Unbehagen über den Stil der SVP aus, die zu mächtig zu werden drohte.

Politiker und Journalisten hatten Ineichen oft belächelt. Unter Bundeshaus-Journalisten kursierte gar der Spruch, mit ihm gäben sich nur Grünschnäbel ab. Er war bekannt dafür, als Wirbelwind Ideen
ins Spiel zu bringen, die er zwei Tage später wieder vergessen haben konnte. Chaotisch, ungestüm, manchmal wenig nachhaltig: Das war eine seiner Seiten. Intuitiv, kreativ und mutig die andere.

Sein Brief nahm die Entwicklung vorweg, die mit den Wahlen 2011 einsetzte: Die SVP wird zur normalen Partei. 1300 Mails soll Ineichen damals erhalten haben, darunter Morddrohungen. Ineichen dachte an Rücktritt. Doch er rappelte sich wieder auf. Junge und ältere Arbeitslose, Globalisierungs-Verlierer, aber auch eine offene Schweiz:

Ineichen hatte ein grosses Herz. Er war authentisch. Ein non-konformistischer Instinktpolitiker mit Zivilcourage. Das beweist sein offener Brief, den er im Alleingang schrieb. Er traf einen Kern.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!